Der Hundegottesdienst, oder ein Morgen im Leben eines Kommissars
Knöllenbeck, der beste und einzige Kriminalkommissar Markscheids blätterte nach Arbeitsbeginn kurz vor der Mittagspause die Zeitung durch. Schliesslich gehört es zu den täglichen Aufgaben eines Kriminalisten, sich auf dem Laufenden zu halten.
Da fiel ihm eine Anzeige des Kirchensprengels auf. Beim Wort „Kirchensprengel“ musste er immer schmunzeln und an ein vertrocknetes, männliches Genitale denken, das sich wie eine halb niedergebrannte Kerze unter staubigen Soutanen beim Anblick knackiger Ministranten oder drallen Haushälterinnen dann und wann ein wenig regte und sich aber alsbald ohne weitere Aktivitäten wieder in Ruhe und- Hängestellung zurückschrumpelte.
Aber diese Anzeige war jetzt doch etwas Kurioses:
Die Kirche lädt am kommenden Sonntag zu einem Hundegottesdienst ein!
Interessenten und Interessentinnen treffen sich mit ihren Hunden (bitte nicht jeweils mehr als 4 Hunde pro Person!) am 25.10. 26 nach dem ordentlichen Gottesdienst hinter der Kirche auf dem Gottesacker. Bitte die Belohnungs-Goodies nicht vergessen! Ausserdem bitten wir die Gläubigen, mit ihren Hunden keine Slalomparcours mehr um die Grabsteine zu veranstalten, es wurden nach dem letzten Hundegottesdienst im September doch einige Beschwerden verzeichnet. Allfällig ausgegrabene und apportierte Knochen bitte beim Mesmer oder im Devotionalienladen abgeben.
Da staunte auch der erfahrene Kriminalist ein wenig. Hundegottesdienst? Knöllenbeck hatte keinen Hund; seine Erfahrung mit Vierbeinern beschränkte sich auf einen Ausbildungskurs mit einer Hundestaffel für Drogenspürhunde. Damals hatte ihm vor allem die robuste, blonde Staffelführerin gefallen, die mit leiser Stimme irgendwelche Befehle zischte, worauf die Hunde meist irgendwelche Haltungen einnahmen oder irgendwelche sinnlosen Handlungen zur Zufriedenheit der Hundeführerin ausführten. Und dann genau für diese sinnlosen Aktivitäten belohnt wurden.
Jedoch, und da erinnerte er sich genau, Gebete oder sakrale Handlungen hatten nicht auf dem Programm gestanden.
Und außerdem hatte er sich gewundert, dass die Hundeführerin (aufgrund ihrer Rundungen und ihrer Frisur vermutlich weiblichen Geschlechts) soviel Autorität gegenüber den Hunden genoss. Ein echter Mann hätte da wohl mehr hergemacht, fand Knöllenbeck.

Guter Hund! Aber genau das war nicht beabsichtigt!
Hier muss man aber wissen: Es gehört nicht zu den subtilen Eigenschaften des guten Knöllenbeck, sich Gedanken zu machen zum Gendern und zum Wokesein, das heisst, diese Dinge sind ihm eigentlich einfach egal. Er gendert nicht und für ihn gibt es nur Mann und Frau. Und zwar in dieser Reihenfolge. Und wenn er mit jemandem zu tun hat, der in seinen Sätzen gendert denkt er bloss: „Schon wieder einer, dessen Gehirn die Konsistenz von Hüttenkäse hat“.
Aber zurück zum Hundegottesdienst: Knöllenbeck überlegte sich kurz, sich dieses merkwürdige Spektakel mal anzusehen, aber dann fiel ihm auf, dass es auf seinen dienstfreien Sonntag fiel, also eher nicht in Frage kam.
Eigentlich schade, dachte er, bei solch schrägen Veranstaltungen trifft sich sicher auch ein sehr schräges Publikum, also Personen von erhöhtem Interesse bis hin zu eindeutig Verdächtigen aus der Sicht eines Kriminalisten.
Aber sei’s drum, der Wecker auf seinem Schreibtisch erinnerte ihn daran, dass es Zeit war für die Mittagspause.
