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Der Ultra-Aktivrentner

Veröffentlicht von El Blindo am

MÜNCHEN (dpoi) – Während andere Menschen in seinem Alter das absurde Konzept verfolgen, morgens ohne Wecker aufzustehen oder – Gott bewahre – einfach mal ein Buch zu lesen, hat Günther M. (71) das wahre Geheimnis des Alterns entschlüsselt: Die totale Selbstoptimierung durch lückenlose Erwerbsarbeit. Günther ist kein gewöhnlicher Rentner. Er ist ein Ultra-Aktivrentner. Ein Premium-Senior. Ein Mann, der das Wort „Feierabend“ für eine unschöne Alterserscheinung hält.

„Wer rastet, der rostet“, ruft Günther gut gelaunt, während er sich um 04:45 Uhr den ersten doppelten Espresso einflößt. Seine Frau Renate (68) schläft noch, was Günther mit einem mitleidigen Kopfschütteln quittiert. „Kein Biss mehr, die Jugend von heute“, murmelt er.

Günther hat nach 45 Jahren als Abteilungsleiter im Maschinenbau nicht etwa aufgehört. Nein, er hat hochgeschaltet. Heute arbeitet er als freiberuflicher Senior-Consultant für Effizienzsteigerung, betreut nebenbei den örtlichen Wertstoffhof als logistischer Berater und führt ein Kleingewerbe für handgefertigte Vogelhäuschen im Industrial-Design. Sein Credo: „Die Rente ist eine Erfindung der Freizeitindustrie, um uns das Geld für Kreuzfahrten aus der Tasche zu ziehen. Nicht mit mir!“

Günther baut tolle Vogelhäuschen

Um 08:00 Uhr sitzt Günther bereits im ersten Zoom-Call des Tages. Die 28-jährigen Start-up-Gründer, die er berät, hängen blass in ihren ergonomischen Stühlen. Günther dagegen strahlt. Er nutzt keine Filter; sein Teint ist das Resultat von purem, unfiltriertem Arbeitswillen.

Wenn die jungen Kollegen über „Mental Health“ und „Work-Life-Balance“ jammern, kann Günther nur müde lächeln:

  • Urlaub: Gibt ihm nichts. „Drei Tage Toskana und mein Blutdruck sinkt in den gefährlichen Bereich.“

  • Hobbies: Arbeit ist sein Hobby. „Gartenarbeit zählt nur, wenn man die Tomaten danach mit Gewinnmarge an die Nachbarn verkauft.“

  • Schlaf: Wird völlig überbewertet. „Im Sarg ist noch genug Zeit für ein Nickerchen.“

Gegen 14:00 Uhr, wenn das berüchtigte Nachmittagstief normale Menschen in die Knie zwingt, läuft Günther erst zur Hochform auf. Da die bezahlte Arbeit seinen Terminkalender nur zu 80 Prozent füllt, engagiert er sich ehrenamtlich. Er kontrolliert die Parksünder in der Nachbarschaft – rein präventiv und zur Freude des Ordnungsamtes – und optimiert die Ablage im örtlichen Kanu-Verein.

Keiner sortiert so gut Büroklammern nach Farben wie Günther

„Man muss der Gesellschaft doch was zurückgeben“, sagt er, während er akribisch die Büroklammern nach Farben sortiert. Dass die Gesellschaft ihn eigentlich lieber auf einer Parkbank beim Taubenfüttern sehen würde, ignoriert er gekonnt.

Um 21:30 Uhr klappt Günther den Laptop zu. Zeit fürs Bett? Natürlich nicht. Jetzt wird an der Steuererklärung für das nächste Jahr vorgearbeitet.

Renate liebt ihren Mann, findet ihn aber auch komplett bescheuert

Wenn man Günther fragt, ob er nicht Angst hat, etwas zu verpassen, funkelt es in seinen Augen: „Was denn? Enkelkinder? Die sind schlecht für die Produktivität. Ich habe meinen Enkeln neulich erst erklärt, dass man Sandburgen viel effizienter mit einer modularen Schalungstechnik baut. Seitdem rufen sie nicht mehr so oft an. Mehr Zeit für Excel!“

Deutschland kann aufatmen. Solange Günther und seine Kohorte der unermüdlichen Ultra-Aktivrentner den demografischen Wandel einfach wegarbeiten, ist die Rentenkasse sicher. Und in Berlin schätzt man Typen wie Günther.