Kommt die kulturelle Wende?
Die „Markscheid am Mittwoch“ im Gespräch mit Herrn Prof. Dr. h.c. Veit-Sören Mühlenberger:
Markscheid am Mittwoch: Herr Professor Mühlenberger, Sie gelten als Vordenker der vergleichenden Kulturanalyse und wurden jüngst zum Leiter der Unabhängigen Bundeskommission für Ästhetischen Fortschritt berufen. Viele fragen sich angesichts leerer Theatergräben und schrumpfender Opernbudgets: Stehen wir vor einer kulturellen Wende?
Mühlenberger: Absolut. Ganz klar: Ja. Wir stehen nicht nur vor einer Wende, sondern vor einer 360-Grad-Kehrtwende nach vorne. Die Kultur hat viel zu lange in einem Elfenbeinturm gewohnt, wo sie ständig Miete zahlen musste, ohne Ertrag zu bringen. Die Wende bedeutet schlicht: Wir machen die Kultur jetzt skalierbar.

Prof. Dr. h.c. Veit-Sören Mühlenberger hat verdammt viel Ahnung von Kultur
Markscheid am Mittwoch: Das klingt dynamisch. Wie genau muss man sich das in der Praxis vorstellen? Nehmen wir zum Beispiel das Theater.
Mühlenberger: Das Theater ist ein Paradebeispiel für veraltete Logistik. Nehmen Sie Shakespeare. Hamlet. Da stehen Abend für Abend bis zu zwanzig hochbezahlte Menschen auf einer Bühne und reden im Grunde über Familienprobleme. Das ist unproduktiv. In unserer Neuausrichtung setzen wir auf das sogenannte „Lean Stage Management“. Wenn Hamlet in den ersten zehn Minuten einfach sagen würde, was ihn stört, sparst du zwei Stunden Spielzeit, Drehbühnenstrom und die Hälfte des Personals. Das ist Barrierefreiheit durch Effizienz.
Markscheid am Mittwoch: Aber geht dabei nicht die dramatische Tiefe verloren?
Mühlenberger: Welche Tiefe? Die Zuschauer wollen heute Mehrwert. Ein Shakespeare-Abend muss in 45 Minuten abgewickelt sein, inklusive einer fünfminütigen Pitch-Pause für lokale Mittelständler. Das Gleiche gilt für die klassische Musik. Warum braucht ein Orchester achtzig Musiker? Nur weil da eine Geige steht, muss nicht gleich jemand dran herumstreichen. Vieles davon sind Redundanzen. Ein gutes Mischpult, ein Motivationscoach im Frack, und die Neunte Symphonie von Beethoven läuft in doppelter Geschwindigkeit durch. Das spart nicht nur Zeit, sondern schont auch das Gehör des Publikums.

Prof. Dr. h.c. Veit-Sören Mühlenberger ist in jedem Opernhaus ein gerne gesehener Gast
Markscheid am Mittwoch: Ein kühner Ansatz. Nun wird in Debatten häufig über den Wert des visuellen Erbes gestritten. Wie steht Ihre Kommission zum Thema Bildende Kunst und Museen?
Mühlenberger: Die Museen sind die Steueroasen des Geistes. Da hängen Millionenwerte an der Wand, und was machen die Leute? Sie gucken nur. Das ist totes Kapital! Nehmen Sie die Mona Lisa. Hübsches Bild, zweifellos. Aber wo ist der Call-to-Action? Wo ist der QR-Code zur Merchandise-Seite? Die kulturelle Wende sieht vor, dass Gemälde künftig funktionalisiert werden. Ein Van Gogh eignet sich hervorragend als Dämmmaterial für energetische Sanierungen, und auf einem Picasso kann man wunderbar Sponsorenlogos platzieren. Kunst muss wieder anpacken!
Markscheid am Mittwoch: Kritiker könnten einwenden, dass der Geist des Humors, der Dichtung und der Philosophie dadurch vollkommen auf der Strecke bleibt.
Mühlenberger: Wer braucht Dichtung, wenn er KPIs hat? Ich habe neulich ein Buch gelesen – also, das Management-Summary davon – und festgestellt: Goethes Faust ist eigentlich nur eine schlecht verhandelte Unternehmensnachfolge mit unzureichendem Risikomanagement. Wenn Faust von Anfang an eine ordentliche Compliance-Abteilung gehabt hätte, wäre Mephisto nie durchgekommen. Das ist es, was wir den Menschen heute vermitteln müssen: Praxisrelevanz!

Prof. Dr. h.c. Veit-Sören Mühlenberger liebt die Künste und gute Brezeln
Markscheid am Mittwoch: Ein faszinierender Einblick. Was ist also Ihr persönliches Fazit für die Zukunft der deutschen Kulturlandschaft?
Mühlenberger: Die Kultur wird schlanker, digitaler und vor allem geräuschloser. Wenn wir die Opernhäuser erst einmal zu modernsten Padel-Tennis-Anlagen umgebaut haben, wird auch der Bürger endlich wieder verstehen, was wir unter „Hochkultur“ verstehen: Hohe Ballwechsel bei maximaler Hallenmiete.
