Das klerikale Treiben in Markscheids Kirchengeschichte (Kapitel VII)

Veröffentlicht von Ambros Braesius am

Das Zeitalter des ersten grossen Krieges und warum der Kaiser sich wegen Markscheid den Schnäuzer rasierte

Um die Jahrhundertwende ins 20. Jhdt. war auch Markscheid den Einflüssen der Zeitgeister ausgesetzt, die damals eher Gespenstern glichen, die den Menschen Ideen von Nationalismus mit Allmachtsfantasien, Freude an Kruppstahl und Schiesspulver einflüsterten und allgemein den Glauben, Kriege seien etwas Edles und ruhmreich sei es, für das Vaterland zu sterben. Was dann auch viele taten, aber wir wollen nicht vorgreifen.

Der Bischof Sperenzus Sprinkler (1877-1944), der in den Augen der Kirche hohes Ansehen hatte, weil er in der damaligen Zeit zu den fünf besten Segnern und Beweihräucherern gehörte, war Markscheids Bischof ab 1910. Der Kaiser, der des Sperenzens Tätigkeit mit Wohlgefallen sah, ernannte ihn 1917 zum Generalobersegner der kaiserlichen Armee. Ihm oblag es, die Kriegsgeräte zu segnen, allen voran die dicke Berta, weil man sich von ihr eine Wendung des serbelnden Kriegsglücks erhoffte.

Schwarzweissfoto eines unbekannten Fotographen. Die Kanone, genannt “dicke Berta” wird nach rechts gezogen, wie man an der nach rechts geneigten Haltung der Mitarbeiter gut erkennen kann. Jede andere Körperhaltung würde hier gar keinen Sinn machen. Von daher stammt wohl das Wort “der Zug”, was eine Handvoll mehr oder weniger motivierter Seilzieher im militärischen Sinne bezeichnet. Mehrere Züge bilden dann eine Kompanie, was aus dem Französischen kommt und bedeutet, dass man sich nach getaner Arbeit zusammen in die Kneipe begleitet (s’accompagner). Hier auf diesem Bild könnte man beispielsweise Sperenzus beim Segnen sehen, wenn er denn je so ein Gerät gesegnet hätte.

Aber Sperenz war ein typischer Markscheider.

Anstatt also die dicke Berta zu segnen, begab er sich ins nächste kaiserliche Soldatenpuff und segnete die dicke Berta (untenstehende Abb. ) mit allem was er hatte.

Schwarzweissfoto eines unbekannten Fotographen. p.n.c.k.b. Quelle: Kommode der Urgrossmutter auf dem Dachboden, oberste Schublade links.

Bei der restlichen Artillerie hielt er sich an die Gulaschkanonen, die gegen Ende des Krieges gar kein Gulasch enthielten, sondern wässrige Graupensuppe.  Aber durch die Segnungen gewann die Suppe doch merklich an Gehalt. Trotz dieser intensiven spirituellen Unterstützung war der kaiserlichen Armee kein Glück beschieden. So war es kein Wunder, dass das Wunder ausblieb und schliesslich der erste Weltkrieg abgeblasen werden musste, bevor er so richtig zu Ende war. Von den stolzen, kriegsfreudigen jungen Männern, die von zuhause weggezogen waren, um den Feind gehörig in den Arsch zu treten, kehrte letztlich nur eine Handvoll versehrter trauriger Gestalten zurück. Eine dieser traurigen Gestalten wird uns dann später noch beschäftigen. Aber zurück zu Wilhelm dem II.:

Der Kaiser hatte wegen der sich häufenden Meldungen über Misserfolge seinen Schnurrbart derart hässlich und unsymmetrisch abgekaut, dass er schliesslich auf dringendes Anraten des preussischen Generalbeauftragten  für öffentliche Verlautbarungen, Geheimrat Klaus von Schätterstöck, völlig entfernt werden musste. So machte der Kaiser nach  seiner Abdankung doch noch eine gute Figur im belgischen Exil in Spa. Noch heute spricht man von “Spa”, wenn man sich so richtig erholen muss. Bischof Sperenzus Sprinkler durfte  noch viele weitere Jahre in Markscheid erfolgreich segnen und wirken. Man erzählt sich, dass auch die lokale Gaststätte, auf die berühmten Flachknödel spezialisiert, die Krisenjahre nach dem ersten Weltkrieg nur erfolgreich überlebte, weil der Bischof seine segnende Hand über alle drei Produkte der Gaststätte hielt. Des Weiteren entwickelte er ein neues System, um die Seelen der Dahingegangenen erfolgreich gen Himmel zu spedieren. Es war das Modell einer Kirche, die gleichzeitig als Seelenabschussrampe diente. Bei den Markscheidern stiess er dabei auf taube Ohren, weil die Zeit noch nicht reif war – zu modern war die Architektur,  ausserdem war die Technik für den Antrieb noch nicht vorhanden, vor allem die kritische Beschleunigungsphase des Starts machte den Ingenieuren lange zu schaffen, aber die Pläne für diese Kirchen wurden nicht vergessen. In den 50er Jahren wurde andernorts nach seinen Ideen diese wunderschöne Kirche gebaut. Dort werden bis heute wöchentlich 1- 2 Seelen gen Himmel geschossen. Da keine bisher zurückgekommen ist, geht die Kirche allgemein davon aus, dass das Projekt erfolgreich ist und die Anlage zielgenau arbeitet.

Diese klerikale Anlage, von den Gläubigen “Seelenabschussrampe” genannt, vereint auf wunderbare Weise modernste Technik und formschöne Architektur. Eigentlich müsste sie in Markscheid stehen, aber es hat nicht sollen sein.

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