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„Die Demokratie fällt heute wieder vom Himmel“

Veröffentlicht von Hans Wurst am

Heute Morgen weckte mich nicht der Muezzin. Heute weckte mich die Demokratie.

Sie kam um 4:17 Uhr. Sehr pünktlich, sehr laut und offenbar mit großer Überzeugung. Das Fenster vibrierte, der Schrank auch, und meine Mutter rief aus der Küche: „Reza, steh auf! Die Freiheit ist wieder da!“

Ich zog mir die Hose an und ging auf den Balkon. Über Teheran hing der Rauch wie eine graue Wolke, und irgendwo heulte eine Sirene.

„Das müssen die Demokratien sein“, sagte mein Nachbar Hamid, der ebenfalls auf seinem Balkon stand und Tee trank. „Sie bringen uns Werte.“

Hamid ist ein optimistischer Mensch.

Vor zwei Wochen begann das alles.

Zuerst erklärten unsere staatlichen Nachrichten, die Angriffe seien ein imperialistischer Überfall. Dann erklärten ausländische Nachrichten, sie seien eine notwendige Verteidigung der Freiheit.

Die Freiheit schaut vorbei

Als einfacher Bürger einer Diktatur ist man bei solchen Dingen immer etwas unsicher. Man weiß nie genau, welche Version der Realität gerade gültig ist.

„Vielleicht bombardieren sie nur die Regierung“, schlug meine Mutter hoffnungsvoll vor.

„Dann haben sie eine erstaunliche Zielstreuung“, sagte mein Vater und deutete auf das neue Loch in der Straße.

Am Nachmittag traf ich Hamid im Treppenhaus.

„Hast du gehört?“ fragte er. „Im Fernsehen in Europa sagen sie, das seien Präzisionsschläge.“

„Das erklärt einiges“, sagte ich.

„Zum Beispiel?“

„Zum Beispiel, warum die Präzision immer genau dort endet, wo Menschen wohnen.“

Hamid nickte nachdenklich. „Vielleicht ist das eine sehr moderne Definition von Präzision.“

Ich versuchte, das Ganze rational zu verstehen.

Unsere Regierung ist eine Diktatur.

Das ist richtig.

Demokratien mögen keine Diktaturen.

Das ist auch richtig.

Also bombardieren Demokratien die Diktatur.

Bis hierhin ergibt alles Sinn.

Das kleine logische Problem entsteht nur in dem Moment, in dem die Bomben auf Menschen fallen, die ebenfalls keine Fans der Diktatur sind.

Aber vermutlich gehört das zur Komplexität der internationalen Politik.

Am Abend saßen wir beim Essen, als wieder eine Explosion in der Ferne zu hören war.

Meine Mutter seufzte.

Diese uneinsichtige Frau will nicht begreifen, daß es um ihre Freiheit geht …

„Glaubst du, sie hören bald auf?“

Mein Vater zuckte mit den Schultern. „Schwer zu sagen. Demokratie ist bekanntlich ein Prozess.“

Ich fragte: „Und wann endet der Prozess?“

Er nahm einen Schluck Tee.

„Wenn wir frei sind.“

„Und woran erkennt man das?“

Er dachte kurz nach.

„Wahrscheinlich daran, dass nichts mehr explodiert.“

Später lag ich im Bett und konnte nicht schlafen.

Ich stellte mir vor, wie irgendwo weit weg Menschen in demokratischen Ländern ebenfalls wach liegen. Vielleicht schauen sie Nachrichten. Vielleicht hören sie Experten erklären, warum diese Bomben notwendig sind.

Ich frage mich, ob sie sich vorstellen, wie es klingt, wenn Demokratie um 4:17 Uhr morgens durch ein Fenster kommt.

Wahrscheinlich nicht.

Aber vielleicht ist das auch besser so.

Denn aus großer Entfernung sieht eine Explosion oft erstaunlich vernünftig aus.