Kevin – allein im Heim

Veröffentlicht von Phacops am

Verdammt, dröhnte Kevin Kühnasts Kopf, als er sich an der Schrankwand in seinem Zimmer hochzog. Die Knie weich wie Butter, die Gedanken nur noch Wolken, ein stechender Schmerz breitete sich in den Frontallappen aus.
Und zu seinem Erstaunen hatten sich zwei Frauen und drei Katzen in seinem Bett breit gemacht.

Schwester Hildegard maß ihn wieder mit ihrem Blick, der von Vorwürfen strotzte: „Mitkommen.“
Kevin taumelte auf sie zu, stolperte über den unteren Rand seiner blauweiß gestreiften Schlafanzughose und prallte gegen die Schwester. Die stellte ihn gerade hin: „Reiß dich zusammen! Wir sind hier nicht auf einem Eurer Parteitage.“
Noch einmal warf der junge Mann einen entsetzten Blick auf die beiden Grazien in seinem Bett.
„Was ist eigentlich passiert?“

Während Schwester Hildegard Kevin in die Speiseecke leitete, knurrte sie nur unverständliches. Ihn erwartete allerdings weder ein Kaffee noch das obligatorische Vollkornbrot mit einer Nanoscheibe Käse, sondern ein Glas Wasser, sowie eine gelblich schimmernde Tablette. Unter den erbarmungslosen Blicken der gestrengen Schwester schluckte er die Medizin, stürzte das lauwarme Wasser hinterher.
Wie durch einen Treffer mit dem Schlagstock wurde Kühnast wieder wach. Die Schwester stand wie eine dürre Fichte vor ihm.

Hier regiert Schwester Hildegard mit eiserner Faust

„Du hast drei Tage lang mit deinen Kumpels von der Partei die U-10-Prozent Feier geradezu zelebriert.“
„War das so schlimm?“, erkundigte sich der Jungpolitiker.
„Nun“, grinste die Schwester. „Wie man’s nimmt. Das örtliche Brauhaus bekam Lieferschwierigkeiten, die Drogenkuriere kamen mit den Tieflastern und die Luden mussten noch das halbe Hamburger Rotlichtviertel in Bussen vorbeibringen.“
Kevin lachte: „Das hört sich doch mal nach einem gelungenen Abend an.“
Hildegard verzog keine Miene: „Nun, es waren drei Nächte, um genau zu sein. Aber abgesehen davon, dass unser Haus komplett saniert werden muss, die Parteikasse des Landesverbands so leer ist, wie die Bierfässer und sich in allen Räumen knapp bekleidete Damen breit machten und selbst die Hauskatze stoned ist, ist ihnen ein kleiner Fehler unterlaufen.“
Der Nachwuchspolitiker starrte die Schwester an, ihr Gesicht schien etwas weicher zu werden.
„Habe ich etwa wieder?“
Hildegard nickte: „Ja, sie haben es erneut getan. Nach einer Diskussion mit ihrem Parteigenossen Klaus-Jürgen (Che) Müller traten sie zuerst nach und dann vor die Presse…“
„Verdammte Scheiße. Hoffentlich nur der Elmsholmer Lokalanzeiger?“
Die Schwester schüttelte ihren Kopf, dass der Dutt wackelte.
„Nein. Die versammelte nationale Presse. Zudem gab es noch ein Interview im Fernsehen.“
Der Nachwuchspolitiker wurde schneeweiß.
„Habe ich Schlimmes gesagt?“
Die Schwester winkte ab: „Nur das Übliche. Enteignung der Firmen und Hausbesitzer, Aufforderung zum Demokratischen Sozialismus.“
Kevin Kühnast hielt sich die Ohren zu: „Verdammt. Meinen Sie, ich könnte mit Hilfe unserer Revolutionstruppen die Presse davon abhalten, dies alles zu senden oder zu drucken?“

Eine alte Freundin Kevins, die jetzt leider auch nicht mehr helfen kann

Hildegard winkte ab: „Das ist schon raus. Ein Shitstorm raste übers Land, selbst die Parteispitze kam nicht mehr nach mit dem dementieren.“
Der Jungpolitiker verdrehte die Augen: „Dann wird es besser sein, ich bliebe noch etwas hier. Zur Erholung.“
Doch zu seinem Erstaunen schüttelte Hildegard den Kopf: „So würde ich das nicht nennen. Nach dem Vergnügen kommt die Arbeit. Laut Beschluss des Sonderparteitags bekommen sie eine spezielle Therapie. Zu Beginn einen Aufstockerjob in der Landwirtschaft. Dann, falls Sie erfolgreich sind, gibt es einen 400-Euro-Job in einer Fabrik und parallel Ausfahrer für einen Paketdienst.“
Ihm stand schon der Schweiß auf der Stirne.
„Und zum Schluss Vorkoster in einer örtlichen Pizzeria.“

Sein Schrei hallte durch die kahlen Wände des Heims, doch die Schwester kannte keine Gnade. Persönlich stellte sie den Wecker auf den nächsten Morgen 4:30.
„Es tut euch jungen Kerls mal ganz gut zu lernen, was Arbeit ist, bevor ihr in die Politik geht.“
Er begann zu jammern: „Bitte tun sie das nicht. Wer gearbeitet hat, kann doch in der Politik nichts mehr werden!“

Schwester Hildegard schob ihn in einen kleinen schmucklosen Raum, in dem nur ein hartes Bett stand und stellte den Wecker auf den Boden.
„Schlafen Sie sich aus, morgen beginnt der Ernst des Lebens. Erst einmal ist es aus mit den kruden Ideen.“

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