Weiterlesen" /> Weiterlesen" /> ?>

Knöllenbeck denkt

Veröffentlicht von Ambros Braesius am

Knöllenbeck, der beste und einzige Kriminalkommissar Markscheids sass an seinem Schreibtisch und dachte nach. Im Grunde genommen ist das Nachdenken die wichtigste Tätigkeit eines Kriminalkommissars. Knöllenbeck wusste das genau und so hatte er sich einige Nachdenkattitüden angeeignet, damit jeder, der unerwartet sein Büro heimsuchte, sofort sah, dass er angestrengt am Arbeiten war.

Zeigefinger an der Stirn, Daumen unter dem Kinn, Kopf aufgestützt, Augen ins Leere gerichtet oder geschlossen, war Phase I.

Phase II war zurückgelehnt in seinem bequemen Bürosessel, Füsse auf dem Tisch, wie es amerikanische Meisterdetektive in Serien zu tun pflegten, auf einem Bleistift herumkauend und mit der linken Hand auf imaginären Tasten einen Rhythmus tippend. Phase II war allerdings etwas anstrengend und wurde nur praktiziert, wenn auf dem Korridor Schritte zu hören waren, die sich näherten.

Dann gab es noch Phase III, die meist auf Phase II folgte und die durch mit hinter dem Kopf verschränkten Armen und mit geschlossenen Augen und leisem Schnarchen die absolut tiefentspannte Deltawellen-Gehirnaktivität repräsentierte.  Dies war immer Knöllenbecks produktivste Nachdenkphase, meist brauchte er danach einen starken Kaffee, um aus dem Deltawellen-Stadium wieder in  die Alltagsalphawellenaktivität zu kommen.

Sein letzter nicht abgeschlossener Fall – ein Mord im Milieu ökologischer Kleingärtner und Dachterrassenbepflanzer, vermutlich durch mit Arsen vergifteten Rucola, diesem Schickimickikraut, verursacht – war, wie so oft, ergebnislos verlaufen. Knöllenbeck hatte sich sogar die Mühe gemacht, vor Ort Zeugen zu befragen. Wie fast immer ohne Anwendung von Gewalt, selbstverständlich. Aber was ihm aufgefallen war: Dass er nämlich in diesem Quartier, wo sich der Mord ereignet hatte, auf ausserordentlich viele Taubstumme und noch mehr Blinde gestossen war. Und so war es nicht erstaunlich, dass er keine hilfreichen Zeugenaussagen erhalten hatte.

Sieht harmlos aus und sehr gesund, aber manchmal ist es das nicht

Die Kardinalfragen einer jeden Mordermittlung „Warum Rucola und nicht Spargel oder Knoblauch?“, „Welches Motiv?“ und „Warum überhaupt?“ waren noch ungeklärt. Er persönlich hätte ja Knoblauch gewählt, weil damit der arsentypische Geruch verdeckt gewesen wäre, aber man hatte ihn ja wieder einmal nicht gefragt. Daher war das Ganze sehr unbefriedigend für den ambitionierten Kriminologen und eine Schlappe für den Kriminalisten.

Knöllenbeck seufzte und wandte sich wieder seiner Lieblingsbeschäftigung zu: dem Studium des Fremdwörterlexikons. Man konnte schliesslich nicht von ihm erwarten, sich den ganzen Tag mit unlösbaren, anstrengenden Rätseln herumzuschlagen. Und so wandte er sich sinnvolleren Fragen zu, wie z.B.: Was ist ein Oxymoron? Ist es mit dem Paradoxon verwandt oder eher nicht? Und warum nicht?