Knöllenbecks 7. Fall

Veröffentlicht von Ambros Braesius am

Oder: Die unerträgliche Leichtigkeit des Schweins

Kriminalkommissar Knöllenbeck hatte Urlaub; nach 2 Monaten erschöpfender Schufterei im Dienste der Allgemeinheit konnte er endlich wieder einmal einen wohlverdienten Urlaub antreten. Der hier auch schon erwähnte Koukol (46) wurde zu seinem Stellvertreter ernannt. Wie uns vielleicht noch erinnerlich ist, handelt es sich bei diesem Mitarbeiter um ein schlichtes, bescheidenes Gemüt, aber enorm motiviert und was ihm an kriminalistischem Fachwissen fehlt, macht er mit Engagement wett.

Also kam es, dass Koukol(46) am Mittwoch, seinem 3. Arbeitstag als Verantwortlicher schon einen Notfallanruf entgegen nehmen musste:
Eine aufgeregte Frauenstimme, ziemlich hysterisch, das heisst: stimmlich am Kippen und kaum verständlich, forderte rasches polizeiliches Erscheinen auf ihrer Bildfläche, weil ein toter Postbote in ihrer Küche liege.
Sehr professionell zückte Koukol(46) seinen Schreibblock, runzelte die Stirn und machte zwei grosse Fragezeichen auf das erste Blatt.
„Woher wissen sie, dass die Leiche tot ist und dass es sich bei der mutmasslichen Leiche um einen Postboten handelt?“ Die Frau atmete heftig und zwischen 2 Schluchzern stammelte sie:
„Das ist doch selbstverständlich: er atmet nicht, ist blaugrün im Gesicht und trägt eine Postbotenuniform.“ Koukol machte nun zwei Ausrufezeichen neben die Fragezeichen und sagte:

„Die Berufung auf Selbstverständlichkeit im Umkreis der philosophischen Grundbegriffe und gar im Hinblick auf den Begriff »Sein« ist ein zweifelhaftes Verfahren, wenn anders das »Selbstverständliche« und nur es, »die geheimen Urteile der gemeinen Vernunft« wie Kant sagt, ausdrückliches Thema der Analytik (»der Philosophen Geschäft«) werden und bleiben soll.“

Am anderen Ende der Telefonleitung wurde es still. Das Schluchzen hatte aufgehört. Dann entgegnete die Frau: „Danke für Ihre beruhigenden Worte; ich werde Dr. Scheider rufen. Sie wollen also nicht kommen! Dabei habe ich immer gedacht, die Polizei sei Dein Freund und Helfer?“

Damit kam sie Koukol(46) gerade recht. Er machte ein heftiges Semikolon auf das Blatt. Mit Nachdruck. Unter die Frage- und Ausrufezeichen. Dann sagte er:

„Die Erwägung der Vorurteile macht aber zugleich deutlich, daß nicht nur die Antwort fehlt auf die Frage nach dem Sein, sondern daß sogar die Frage selbst dunkel und richtungslos ist. Die Seinsfrage wiederholen besagt daher: erst einmal die Fragestellung zureichend ausarbeiten.“

Die Frau blieb eine Weile still, dann seufzte sie erleichtert und bedankte sich:
„Jetzt haben Sie mir wirklich geholfen! Ich sollte vielleicht noch erwähnen, dass der Postbote mein Mann ist und dass er möglicherweise vom Müesli gegessen hat, das ich mit Rattengift präpariert habe, um im Schuppen die Mäuse zu vertreiben“.

Welcher Postbote kann einem Müesli widerstehen, wenn es so schön farbig in der Küche herumsteht?

Koukol(46) konnte nun endlich einen Punkt machen. Er nickte, machte seinen Punkt und erwiderte in abschliessendem Sinne:
„Das »Sein« ist der selbstverständliche Begriff. In allem Erkennen, Aussagen, in jedem Verhalten zu Seiendem, in jedem Sich-zu-sich-selbst-verhalten wird von »Sein« Gebrauch gemacht, und der Ausdruck ist dabei »ohne weiteres« verständlich.“

Damit konnte er nun den Fall beruhigt ruhen lassen und sich Wichtigerem widmen, wie Pause machen, bei Frau Petra Fitze (49) einen Kaffee schnorren und ausrechnen, wie lange es noch dauern würde, bis der Chef aus dem Urlaub zurückkäme.

Die Redaktion entschuldigt sich. Es war nicht abzusehen, dass Koukol(46) in Heidegger-Zitaten zu antworten pflegt, wenn er telefonisch belästigt wird. Es soll nicht mehr vorkommen. Versprochen.