Das große Sättigungsbeilage-Massaker
Es ist 19:00 Uhr in Deutschland. Während in der echten Welt Millionen von Menschen versuchen, eine Packung Nudeln unfallfrei in kochendes Wasser zu befördern, bricht im Fernsehen der kulinarische Ausnahmezustand aus. Willkommen in der Ära des Homo Gastronomicus, einer Spezies, die zwar nicht mehr weiß, wie man eine Kartoffel schält, aber genau erklären kann, warum das Reh-Carpaccio unbedingt an einer „dekonstruierten Brombeer-Reduktion“ sterben musste.
Phase 1: Die Arena der Alpha-Köche
Früher war Kochen eine Tätigkeit, die man tat, um nicht zu verhungern. Heute ist es ein Gladiatorenkampf. In Shows wie „Die Küchen-Gladiatoren“ oder „Herd-Hölle 2000“ brüllen Männer mit tätowierten Unterarmen und schwarzen Schürzen so laut gegen eine Pfanne an, als hätte diese gerade ihre Mutter beleidigt.
Der Spannungsbogen ist dabei stets derselbe:
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Der Schicksalsschlag: „Mir ist die Jus abgeschissen!“ (Musik wie bei Inception setzt ein).
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Das Drama: Ein Tropfen Schweiß fällt Richtung Teller. Zeitlupe. Wird er die Jakobsmuschel treffen?
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Die Erlösung: Der Juror probiert, verzieht keine Miene und sagt: „Handwerklich… schwierig.“

Standardküche in einer deutschen Kochshow
Phase 2: Die Promi-Resterampe am Herd
Wenn das normale Volk nicht mehr genug Einschaltquoten bringt, müssen die B- bis Z-Promis ran. In „Das perfekte Promi-Dinner“ beobachten wir Menschen, deren größte Leistung bisher die Teilnahme an einem Reality-Format im Dschungel war, dabei, wie sie versuchen, einen Thermomix zu bedienen, ohne das Haus abzufackeln.
Man lernt hier vor allem zwei Dinge:
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Reichtum schützt vor Geschmacklosigkeit nicht (Stichwort: Goldene Löwen-Statuen im Esszimmer).
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Ein „Hauch von Trüffelöl“ ist das kulinarische Äquivalent zu „Ich hab keine Ahnung, was ich hier mache, aber es war teuer“.
Phase 3: Die Jury – Die Götter in Weiß (oder Rollkragen)
Keine Kochshow kommt ohne die Jury aus. Das sind meistens drei Personen, die so wirken, als hätten sie seit 1994 nichts mehr gegessen, was weniger als 80 Euro pro Gramm kostet.
„Die Textur des Schaums erinnert mich an einen nebligen Morgen in der Champagne, aber der Abgang ist mir zu… nun ja… bodenständig.“
Übersetzung: „Es schmeckt nach Suppe, aber ich muss so klingen, als hätte ich einen Doktortitel in Löffelwissenschaften.“

Standardküche in einem deutschen Haushalt
Das Fazit: Brot und Spiele (ohne Brot)
Das Paradoxon des deutschen Fernsehens bleibt: Je mehr Kochshows wir sehen, desto häufiger bestellen wir Pizza. Während uns Starköche erklären, dass man eine Karotte erst einmal „confieren“ und dann in einem Nest aus Heu räuchern muss, sitzen wir mit einer Schüssel Instant-Suppe auf der Couch und nicken wissend.
Wir sind ein Volk von kulinarischen Voyeuren. Wir schauen anderen dabei zu, wie sie handgemalene Ravioli mit Hummerfüllung kredenzen, nur um uns danach beim Gang zum Kühlschrank zu fragen, ob die Salami von letzter Woche noch „gut“ aussieht.
Vielleicht ist das die wahre Sättigung: Wenn wir so viel über Essen gehört haben, dass der Magen vor lauter Fachbegriffen einfach aufgibt.