Weiterlesen" /> Weiterlesen" /> ?>

Die Muse

Veröffentlicht von El Blindo am

Die „Markscheid“ kreuzte im Jahr 1888 den Atlantik, beladen mit Portwein und der unheilvollen Gewissheit, dass auf hoher See immer etwas schiefgehen musste. Kapitän Knust, dessen Gesichtszüge so stur waren wie der Bug seines Schiffes, starrte auf die schäumende See. Seine Mannschaft – inklusive des notorisch ängstlichen Hinnerk und des Smutjes, der nun versuchte, aus Seetang und Verzweiflung eine portugiesische Fischsuppe zu zaubern – war bereits von der langen Reise gezeichnet.

Der Duft des Unglücks

Die Fahrt verlief zunächst ereignislos, was auf der „Markscheid“ fast schon beängstigend war. Doch dann, als sie sich der irischen Küste näherten, breitete sich ein süßlicher, betörender Geruch an Bord aus. Es war der Geruch von Rosen, von feinem Puder und einem Hauch von etwas… Unnatürlichem. Ein Geruch, der so gar nicht zu einem Schoner auf hoher See passte.

Hinnerk, dessen Nase so empfindlich war, dass er den Gedankengang eines Seehundes riechen konnte, spürte als Erster das Unbehagen. Er folgte dem Duft, der ihn in den Laderaum zog, wo die Fässer mit dem kostbaren Portwein lagerten.

Hinnerk macht mal wieder eine Entdeckung

Die Muse des Grauens

Zwischen den Fässern schimmerte ein helles Licht. Und dort, auf einem improvisierten Thron aus Segeltuchballen und Seekarten, saß eine Gestalt. Es war eine Frau, gekleidet in ein wallendes, seidenes Gewand, ihr Haar glänzte wie Mondlicht auf Wasser. Sie war von atemberaubender Schönheit, aber ihre Augen… ihre Augen waren leer, doch strahlten sie eine kalte, unwiderstehliche Anziehungskraft aus. In ihren Händen hielt sie einen kleinen, verschnörkelten Spiegel.

„Wer… wer seid Ihr?“, stammelte Hinnerk, dessen Knie zitterten wie ein Klüver im Sturm.

Die Frau lächelte ein Lächeln, das wie das Klirren von Eis klang. „Ich bin die Muse des unerfüllten Talents“, hauchte sie. „Man hat mich in Porto in eine Flasche gebannt, weil ich alle, die mich hörten, dazu brachte, ihre wahren Begabungen zu erkennen – und unter deren Last zu zerbrechen.“

„Aber… wieso seid Ihr hier?“, fragte Hinnerk, fasziniert und verängstigt zugleich.

„Die Seeleute haben mich befreit“, sagte sie mit einem sehnsüchtigen Blick auf die Fässer. „Jeder Schluck Portwein, der hier über Bord ging, gab mir ein wenig Freiheit. Und nun bin ich hier, um die verborgenen Talente dieser Crew zu wecken.“

Wenn der Smutje kreativ wird …

Die Katastrophe der Kreativität

Von diesem Moment an war die „Markscheid“ dem Untergang geweiht, nicht durch Sturm oder Seekrankheit, sondern durch unaufhaltsame Kreativität.

Der Smutje verwarf seine Fischsuppen und begann, komplexe architektonische Meisterwerke aus Zwieback und Pökelfleisch zu schnitzen. Hinnerk entdeckte seine wahre Berufung als expressionistischer Maler und versuchte, die See in leuchtenden Violett- und Grüntönen auf die Segel zu malen. Kapitän Knust, der sich sonst nur mit Schimpftiraden ausdrückte, begann, dramatische Sonette über die Schönheit des Walfängertums zu verfassen.

„Ahoi, du Welle, kühn und frei! Des Knustens Herz dir ewig treu!“

Das Schiff drohte im Chaos des künstlerischen Schaffens unterzugehen. Die Segel wurden zu Leinwänden, die Ankerketten zu musikalischen Instrumenten, und die Navigation geriet völlig in Vergessenheit, da alle versuchten, ihr innerstes Ich auszudrücken.

Man sagt, die „Markscheid“ erreichte Stettin nie. Stattdessen sei sie in den Nebeln des Nordatlantiks verschwunden, umgeben von einem seltsamen, süßlichen Duft und den Klängen eines Kakophonie-Orchesters, das aus rostigen Eimern und Geigen aus Walrippen bestand. Bis heute sollen in stürmischen Nächten Geisterschiffe erscheinen, auf denen die Crew nicht nach Schätzen sucht, sondern verzweifelt versucht, das perfekte Gedicht oder die ultimative Skulptur zu schaffen, für immer gefangen in der Schönheit ihres eigenen, unerfüllten Talents.