Der Krötenklau. Knöllenbecks 14. Fall

Veröffentlicht von Ambros Braesius am

Als Kriminalkommisasar Knöllenbeck an diesem Montag in aller Herrgottsfrühe am Arbeitsplatz erschien- etwa um 9.20 Uhr, wurde er schon erwartet. In seinem Büro stand ein gedrungener, stämmiger Mann, kurze Beine, kurze Arme der runde Kopf fast ansatzlos auf den Schultern. Aha, ein Hydrant, dachte Knöllenbeck, ging um den Wartenden herum, der sich vor seinem Schreibtisch aufgebaut hatte, setzte sich und fragte:

„Was kann ich für Sie tun?“

„De Grödnlegga ham mein Biodob sersdörd!“

Knöllenbeck versuchte, das Gesagte zu verstehen und sagte schliesslich: „Hä?“

„De Grödnlegga ham mein Biodob sersdörd!“

„Aha, wie das?“

Der Hydrant wurde ungeduldig: „Hörnse nich su?“

“Also, wenn ich Sie recht verstehe Herr Hy…, äh, wie war doch gleich ihr Name?”

„Snölla, Frich Snölla”

“Also Herr Friedrich Schnöller, wer hat Ihr Biotop zerstört?”

„De Grödnlegga“

„Interessant, wie das?“

„De kommn nachds un sdiefln in mei Biodob rum wege de Grödn. Nemse raus. Machn alles kabud.“

„Und dann nehmen die die Kröten aus dem Biotop?“

„Jo.“

„Warum?“

„Leggn an de Grödn un dann dansen se un sin besoffn.“

Knöllenbeck war voll des Mitgefühls, auch wenn ihm diese rätselhafte Form des Vandalismus’ noch nie untergekommen war. Er dachte angestrengt nach, wie er sich aus dieser unangenehmen Situation befreien könnte, dann kam ihm die rettende Idee und er sagte:

„Können sie Ihre Besitzansprüche auf die Kröten legitimieren? Haben sie Quittungen, Besitzurkunden, Garantiescheine?“

Hier sehen wir einen gemeinen Militärkampffrosch, der nicht mit einer Kröte verwechselt werden will, obwohl er ab und zu sagt: “Leck mich doch”.

„Urgh? Na san se mal!““

„Also nicht, dann können wir nichts machen.“  Knöllenbeck seufzte erleichtert auf und dachte: Gut, nochmals davongekommen.

Der Hydrant räusperte sich.

„Wollnse nix dun? Wasn mim Biodob?“

“Ein Biotop ist per definitionem eine selbstregulierende biologische Entität, die nicht reparativ oder regulativ beeinflusst werden sollte. Aber das wissen Sie ja selbst, Herr Schnöller.”

„Landfrinsbruch?“

„Haben Sie denn ein Schild aufgestellt, das ihr Biotop als privates Grundstück kennzeichnet, das nicht betreten werden darf?“

„Na.“

„Ja dann… Am Rande der Fickwalder Sümpfe ist wohl nicht ohne weiteres ersichtlich, wo ihr privates Biotop beginnt, oder?“

Der Hydrant lief rötlich an (oben herum) und begann sichtlich zu transpirieren. Knöllenbeck wollte hilfreich sein:

“Kann ich Ihnen eine Krö.. ähm ein Glas Wasser anbieten? “

„Na.“

„Also, dann empfehle ich Ihnen, Ihr Biotop einzuzäunen und eine adäquate Verschilderung anzubringen. Sollten sich dann die Vorgänge wiederholen, könnten wir einschreiten, wenn es denn unbedingt sein muss.“

Der Hydrant stiess ein empörtes Schnauben aus und stampfte mit kleinen Schritten hinaus, die Türe zuknallend. Er hinterliess einen Duft von Knoblauch und einen erleichterten Knöllenbeck, der schon befürchtet hatte, er müsse aktiv werden.

Aber es war noch nicht vorbei. Knöllenbeck hatte sich zu früh gefreut. 

Tatsächlich machten in den folgenden Wochen immer mehr Gerüchte die Runde, dass sich eine neue Sekte am Rande des Fickwalder Forstes in einem verlassenen Bauernhof eingenistet hatte. Die Sektenmitgliederinnen und -mitgliederer, zwölf an der Zahl, sollten mit natürlichen Halluzinogenen experimentieren, um Erleuchtung zu erlangen. Man erzählte sich, dass sie Pilze, Pflanzen, Moose und Wurzeln konsumierten und eben: Kröten ableckten und sich anschliessend absonderlich verhielten. Noch absonderlicher als das übliche Sektenmitgliederverhalten.

Und als schliesslich ein mutmassliches Sektenmitglied tot mit verzücktem Grinsen und in skurriler Haltung aufrecht stehend an einen Baum lehnend aufgefunden wurde, ordnete Frau Crohn-Corque, die verehrte Bürgermeisterin an, die Drogenvorräte zu konfiszieren, mitsamt den Kröten ins Rathaus zu bringen, die Sekte auf das Gebiet der Nachbargemeinde umzusiedeln und sie mit Gewaltandrohung von Markscheids Grenze fern zu halten. Knöllenbeck musste also wohl oder übel doch noch aktiv werden, um diesen Fall abzuschliessen. Ein kleiner Trost blieb ihm: Frau Crohn-Corque verbot ihm, irgendwelche Aufzeichnungen oder Protokolle zu schreiben, nachdem die darauffolgenden Stadtratssitzungen alle irgendwie aus dem Ruder liefen und Dr. Scheider gerufen werden musste. Das Ganze durfte also nie stattgefunden haben.

(Womit auch wir die  Türe der Verschwiegenheit hinter diesem Kapitel Markscheider Kriminalgeschichte schliessen und unsere Leser bitten, das Ganze diskret zu behandeln; Anm. der Redaktion)