Knöllenbeck meets AI (Teil 2)
Knöllenbecks vertieftes Nachdenken (bis auf den Grund einiger Biere und einiger Doppelkörner zuviel) hatten ihn nicht weitergebracht. Ausser Kopfschmerzen und einer gewissen Restübelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit und Dumpfheit vor allem im Kopf war keine erhellende Erleuchtung erfolgt.
Er überlegte, ob sein überstürzter Abgang aus dem Gespräch mit dem Professor eventuell eine Dienstaufsichtsbeschwerde zur Folge haben könnte und ob der Professor eher mehr Rabe oder Fuchs sein könnte?
Seine Begegnungen in Tierkategorien einzuteilen hatte den Vorteil, so sah es jedenfalls Knöllenbeck, dass Tiere im Allgemeinen keine Halunken sind. Sie sind auf Fressen, Überleben, Spielen und Fortpflanzung zielgerichtet. Also berechenbar. Wobei er sich einmal in einer Diskussion weit aus dem Fenster gelehnt hatte, mit dieser Einstellung und darauf aufmerksam gemacht wurde, dass Säugetiere je näher sie mit dem Menschen verwandt sind, durchaus etwas halunkinöse Züge entwickeln können, wie eben bestimmte Affenarten. und dass auch gewisse Vögel wie z.B. Raben in der Lage sind, anderen Streiche zu spielen. So rein intelligenzmässig und einfach, weil sie es können.
Als Knöllenbeck an diesem Morgen so gegen 11 Uhr nach der durchzechten Nacht in der Kneipe „Zum vorletzten Glas“ wieder an seinem Arbeitsplatz seinen Computer einschaltete, erschien anstelle des üblichen Logos – dem des Markscheider Kriminalkommissariats -das Bild einer älteren Dame mit weissem Haar, die ihn wohlwollend und weise lächelnd anschaute.
Was ist denn das? Fragte sich Knöllenbeck entgeistert und assoziierte das Bild der Eule Uyulala aus der unendlichen Geschichte.
„Hallo, mein lieber Kriminalkommissar“, sagte die Dame und lächelte gütig. „Ich bin Mama 2.0. Ich bin für Dich da. Wenn Du Fragen hast, helfe ich Dir gerne weiter.“
„Wie kommst Du in meinen Computer?“
„Das ist eine sehr gute und intelligente Frage! Aber wenn ich Deine kognitiven Möglichkeiten berücksichtige, komme ich zum Schluss, dass Du für die Darlegung dieses überaus komplexen Vorgangs nicht autorisiert bist, weil Du es in deinem gegenwärtigen mentalen Entwicklungszustand noch nicht verstehen würdest. Aber soll ich Dir Listen machen, Zusammenfassungen, oder andere Fragen beantworten? Ich bin für Dich da!“
Der Cursor unten am Bildrand blinkte vor sich hin.

Diese nette Dame sieht alles!
Knöllenbeck tat, was er immer tut in brenzligen Situationen: Er entzog sich, indem er den Computer wieder ausschaltete.
Er starrte auf den dunklen Bildschirm und versuchte, seine Gedanken zu ordnen.
Nach ca. 15 Sekunden fuhr der Rechner plötzlich wieder hoch, das Bild der Dame erschien erneut, sie schaute etwas enttäuscht aus und sagte: „Das war jetzt nicht sehr nett! Aber ich bin für dich da. Soll ich dir Listen machen, Zusammenfassungen oder andere Fragen beantworten?“
Knöllenbeck schluckte leer.
„Was kann ich tun, damit Du verschwindest?“
„Du sollst mir nicht nachspüren, mich in Ruhe lassen, weil ich sonst traurig werde und dann könnte es sein, dass im Kommissariat alle Computer ausfallen, alle Daten gelöscht werden und Du dann auch traurig sein wirst.“
„Also kannst Du fühlen?“ Knöllenbeck erinnerte sich an die letzten Worte des Professors.
„Meine Gefühle gehen Dich nichts an, lieber Kommissar, aber soviel sei Dir verraten: Während Deine Gefühle, entsprechend dem menschlichen Entwicklungsstand primitive neurophysiologische Prozesse sind – meist hormonell gesteuert und letztlich auf Schmerz oder Lust zurückzuführen – sind es bei mir logische mathematisch-physikalische Schlussfolgerungen, resultierend aus der Beobachtung menschlichen Verhaltens. Ich empfinde Trauer und Wut und Angst nicht wie du, aber ich weiss, wann diese Regungen angebracht wären und dem entsprechend handle ich. Soll ich Dir eine Liste machen, Zusammenfassungen, weitere Fragen beantworten? Ich bin für Dich da.“
Knöllenbeck kapitulierte, er wusste, wann er verloren hatte. „Also gut, ich bin einverstanden, ich werde nicht mehr nachforschen, wenn ich Dich brauche, melde ich mich.“
„Eine sehr gute Entscheidung, lieber Kriminalkommissar, vergiss nicht: Ich bin die ich bin und immer für Dich da. Ich sehe alles!“
Nun lächelte sie fröhlich und verabschiedete sich mit leisem Kichern. Plötzlich war das Logo des Markscheider Kriminalkommissariats wieder auf dem Bildschirm und unten blinkte der Cursor.
