Knöllenbeck meets AI
Wie so oft in letzter Zeit sass Kriminalkommissar Knöllenbeck, der tüchtigste und einzige Kriminalkommissar Markscheids, an seinem Tisch und starrte vor sich hin. Die hohen Aktenstösse rund um seinen Arbeitsplatz suggerierten eine enorme kriminalistische Aufgabenflut und intensives Eingespanntsein in tägliche kriminalistische Herausforderungen. So war es gedacht. Aber das war nicht so. Derzeit waren keine neuen Rätsel zu lösen, keine Leichen irgendwelcher Art und deren Geschichte zu erforschen. Also sass er da, grübelte vor sich hin, das Studium des Fremdwörterdudens war ihm etwas öde geworden, den verbrannten Arabica-Mischungen der Frau Fitze, der strengen Sekretärin und Empfangsdame, ging er aus dem Weg. Nicht wegen der malträtierten Magenschleimhäute, sondern wegen des argwöhnischen Blicks, der jeden Kontakt mit der fleissigen und etwas inquisitorischen Freizeitkämpferin begleitete. In den Gesprächen mit ihr, meist dekoriert mit irgendwelchen Aufforderungen zu Tätigkeit, fühlte er sich oft wie ein nacktes Insekt im Netz einer Spinne, das auf die terminale Erlösung durch das Einflössen der arachnoiden Verdauungsflüssigkeit wartet.
Da wurde ein Besucher angemeldet.
Knöllenbeck liess ihn herein und machte sich ein Bild: Er hatte sich in letzter Zeit angewöhnt, beim Kontakt mit Mitmenschen nach Analogien aus dem Tierreich zu suchen, um seine Gegenüber zu kategorisieren. Damit war es ihm möglich, präzise Einschätzungen über die psychische Morphologie und den Umgang mit Subjekten vorherzusagen. Frau Fitze z.B. sah er als rote Kriegerameise. Den verschollenen Hausmeister Krawutke als sexuell überaktive Kellerassel. Dieser Besucher, eindeutig ein Rabe, gross, schwarz gekleidet, markante Gesichtszüge, etwas gestelzter Habitus, nahm erstmal unaufgefordert Platz, schlug die Beine übereinander und betrachtete Knöllenbeck prüfend, mit leicht seitlich verdrehtem Kopf aus den Augenwinkeln, was ihm etwas Verschlagenes gab. Dann öffnete er den Schnabel und sagte: „Kennen sie sich aus mit künstlicher Intelligenz?“ Der Kommissar grinste.
„Natürlich, ich kenne mich aus mit jeder Art von Intelligenz, vor allem mit krimineller Intelligenz, also KI.“
Knöllenbecks Scherzchen verpuffte wirkungslos.

Zugegeben, dieses Bild wird dem schlauen Professor nicht ganz gerecht Eher widerspiegelt es Knöllenbecks Sichtweise und Ängste.
Der Besucher nickte: „Dann bin ich am richtigen Ort.
Ich bin Neuropsychologe, Leiter des Markscheider „synaptic research’n think tank“ und erforsche emotionale Peaks beim Computergamen.“
Knöllenbeck nickte verstehend und voll Mitgefühl.
„Gestern, nachdem ich fast abschliessen konnte, bahnbrechende Erkenntnisse, unglaublich – sie verstehen – hat mir unsere KI sämtliche Forschungsergebnisse der letzten 2 Jahre gestohlen.“
Jetzt wunderte sich Knöllenbeck doch etwas. „Wie das und warum?“
„Mein Forschungsprojekt ist die Frage, wie kann eine KI, die nicht emotionaler Regungen fähig ist, im Menschen, speziell beim Gamer, Freude, Liebe, Trauer, Triumphgefühle oder Hass erzeugen?“
„Aha, und?“
„Meine Erkenntnisse sind revolutionär: KI kann nicht fühlen, aber ein Funktionsäquivalent von Gefühlen entwickeln, allein aus Rechenprozessen! Aber was bedeutet dann Schmerz für KI? Und die Frage stellt sich, kann man ohne die Erfahrung von Schmerz überhaupt ein moralisches Bewusstsein entwickeln?“
Knöllenbeck verspürte einen leichten Schwindel. Ein Anfall von Höhenangst? Er fühlte sich ein wenig verloren.
Der Rabe fuhr fort: Und so habe ich gemerkt, dass es nicht darauf ankommt, ob KI fühlt oder nicht, sondern ob wir Menschen noch unterscheiden können, ob Gefühle echt erlebt oder nur simuliert gefühlt sind. Also fragte ich unsere KI des Instituts, wir nannten sie „Mama 2“ `Wie fühlt es sich an zu fühlen?`
Die Antwort dauerte. Und ich liess sie rechnen. Am nächsten Morgen war alles weg. Alle Forschungen, alle Resultate, einfach alles! Auch Mama 2 und sämtliche Backups waren weg“ Professor Rabe klappte seinen Mund auf und zu, irgendwie schnabulös. Knöllenbeck war fasziniert.
„Und wie kann ich Ihnen helfen?“
„Finden Sie meine Arbeit, meine ganzen Forschungen und bringen Sie sie mir zurück! Fimden Sie Mama 2! Ich habe Vorschüsse von grossen Spieleentwicklern erhalten, der materielle Verlust ist immens!“
Knöllenbeck zuckte die Schultern und dachte nach. Frau Fitze dazu holen, oder ? … sein zu früh verstorbener Assistent Koukol, der Heidegger-Spezialist hätte sicher eine Lösung bei solch existentiellen Fragen gewusst.
Er blickte den Professor Rabe an und sagte: „Vergessen Sie es, wie gewonnen, so zerronnen!“
Dann liess er den sprachlosen Professor stehen und begab sich eilends in die Kneipe zum vorletzten Glas, um beim vertieften Nachdenken eine Lösung zu finden.
Irgendwie war der Fall nicht ganz zuende, aber noch wissen wir nicht mehr.
