Eine teilweise geglückte Expedition

Veröffentlicht von Ambros Braesius am

Kürzlich kam Frau  Crohn-Corques Stadtsekretär für besonders heikle Aufgaben (SSfbhA) Gerd Schniebel wohlbehalten, wenn auch deutlich ausgezehrt und nüchtern, weil völlig mittellos, von einer Expedition aus der Schweiz zurück. (Das Titelbild zeigt übrigens eine typisch schweizerische Aussicht: Berge und eine Bank) Schniebel wurde mit besonderen Ehren, d.h. mit einem Überlebens-Imbiss aus einer weitherum berühmten Fischhandlung empfangen, da man eigentlich nicht davon ausgegangen war, dass er überhaupt lebendig zurückkommen würde.

Er erstattete bei einem gut abgehangenen Sushi Bericht über seine ethnologischen Beobachtungen: Er müsse vorausschicken, dass das Gerücht über noch praktizierten Kannibalismus in der Schweiz nicht verifiziert  werden konnte. Er habe keine Indizien dafür gefunden, was aber noch nicht beweisführend sei, da er es nicht bis in die entlegensten Regionen geschafft habe.

Die Eingeborenen würden allesamt einen sehr beschäftigten Eindruck machen. Sie seien zwar höflich, aber sehr zurückhaltend und eben: Sehr beschäftigt. Da ihm die Polizei nach kurzer Zeit seinen Dienstwagen entwendet habe mit der fadenscheinigen Begründung, er sei zu schnell gefahren, habe er sich zu Fuss und mit den ÖV in seinem Forschungsgebiet bewegen müssen. So habe er doch die Ureinwohner, von denen es gar nicht mehr so viele gebe, aus nächster Nähe studieren können.

Vor allem in Zürich sei die hektische Betriebsamkeit spürbar gewesen, dort seien ihm mitleidige Blicke zugeworfen und einmal sogar Geld zugesteckt worden. Offenbar habe man ihn wegen seiner markscheiderisch-gemächlichen Gangart und seiner markscheiderischen Eleganz für bedürftig gehalten. In Zürich messe man die Intelligenz der Leute an ihrer Schrittgeschwindigkeit. Je schneller der Schritt, umso schlauer. Er habe herausgefunden, dass es sogar eine schweizerische Statistik über die Gehgeschwindigkeit in verschiedenen Regionen gebe. Deshalb würden die eher langsameren Berner landesweit als etwas beschränkt gelten, weshalb man ihnen die Aufgabe übertragen habe, die Hauptstadt dieser Konföderation zu stellen. Daran sehe man schon, welchen Stellenwert die Schweizer ihrem Staat zugestehen würden. Er konnte auch gleich eine wissenschaftliche Studie anführen zum Beweis dieser steilen These: (https://www.bernerzeitung.ch/region/bern/berner-sind-wirklich-langsamer-als-zuercher/story/15903223)

Schniebel, wie er versucht, möglichst unauffällig die Zürcher auszuspähen

Einmal habe er das falsche Tram bestiegen und sei versehentlich ins Labyrinth des Zürcher Unispitals geraten. Auch dort habe er festgestellt, dass die Leute mit enormen Geschwindigkeiten unterwegs seien. Die Ärztinnen und Ärzte würden mit offenen, weissen Kitteln durch die Gänge joggen. Eine Reinigungshilfskraft aethiopischer Herkunft habe ihn in perfektem, also fast nicht verständlichem Schweizerdeutsch aufgeklärt:

Die Qualität der Ärzte würde dort am Kittelwinkel gemessen. Je flacher der nicht zugeknöpfte Kittel bei der Fortbewegung hinten in die Höhe steige, umso besser die berufliche Qualifikation. Ein Winkel von 60-70 Grad (Scheitelpunkt Kragen) sei das Minimum, um zugelassen zu werden. Ein berühmter Chefarzt und Transplantationschirurg habe einen sagenhaften Kittelwinkel von 82,5 Grad erreicht. Er sei aber leider viel zu früh bei einer Kollision ums Leben gekommen, als er den Op verlassen wollte und nicht auf den Verkehr im Korridor geachtet habe.

Schniebel fand dies alles sehr erstaunlich, weil beim beräderten Verkehr eine gegenteilige Tendenz zu beobachten sei. Da werde das Tempo auf unfassbar niedrige Geschwindigkeiten bis hin zum Stillstand reduziert, offenbar wolle man die Leute dazu bringen, mehr zu Fuss zu gehen, um ihre Intelligenz zu fördern.

Ganz anders im Gebirge: Da hätten ihm die Eingeborenen, die mit ihren meist allradangetriebenen Vehikeln japanischer Herkunft mit halsbrecherischer Geschwindigkeit die Serpentinen hoch- und runterjagten, fast wie auf deutschen Autobahnen drängelten, lichthupten, den Stinkefinger gezeigt, als er mit der vorgeschriebenen Geschwindigkeit unterwegs gewesen war. Einmal habe er beobachtet, wie ein Niederländer – selbstverständlich mit Wohnwagen – verflucht und mit Kuhfladen beworfen worden war, weil er in einer Serpentine über einen längeren Zeitraum vor und zurück manövrieren musste.

Hier sehen wir typische Serpentinen, die aus nicht nachvollziehbaren Gründen irgendwohin in noch unwirtlicheres Gelände führen, wo man gar nicht sein will, falls man überhaupt dort ankommt

Dagegen sei die Schrittgeschwindigkeit in den Bergen gerade auch der Zürcher erstaunlich langsam, vor allem bei steileren Bergaufpassagen. Schniebel könne sich diese paradoxen Beobachtungen noch nicht erklären, wahrscheinlich sei eine zweite Expedition notwendig. Seine Hypothese sei, dass die Steilheit des Geländes einen sofortigen Verdummungseffekt auslöse, weil Blut aus dem Kopf in die unteren Extremitäten umgeleitet werde, ähnlich dem physiologischen Vorgang der sexuellen Erregung. Aber dies müsse noch verifiziert werden. Leider habe er auf seiner Expedition keine sexuellen Erregungen beobachten können, vermute aber, dass sie dennoch dann und wann stattfinden. Er empfehle, für die nächste Expedition jemand anderen zu schicken, da er nicht glaube, ein zweites Mal soviel Glück zu haben, um unbeschadet zurückkehren zu können.