Knöllenbecks 8.Fall

Veröffentlicht von frcx am

In der Sprache der Inuit gibt es dreiundfünfzig unterschiedliche Begriffe für Koks-Nutten-Party. Knöllenbeck kannte sie alle. Seit Wochen schon wurde er im geheimen Hinterzimmer des Kommissariats auf einen gefährlichen Undercover-Einsatz im Drogenmilieu vorbereitet. Jetzt war es endlich soweit: Unter dem Pseudonym Roger Knowles-Back machte sich Kriminalkommissar Knöllenbeck auf, die Markscheider Unterwelt gehörig aufzumischen.

Zahnarzt Dr. Weichsheimer hing mit beiden Händen tief im Mund der Gräfin von Hurbensayn. Hier war noch einiges zu tun, doch in seinen Gedanken war er bei Deborah, der frisch eingestellten Zahnarzthelferin. Weichsheimer stellte sich vor, wie sie die Spange von ihrem prächtigen Haar löste und lasziv den Kopf schüttelte, während sie ihm nackt die Implantate reichte. Er war sich gewiss, dass Deborah sein Angebot zum Segeltörn am Wochenende annehmen würde. Das Boot, mit den netten kleinen Nebeneinkünften aus dem Verkauf von Kokain finanziert, war gerade erst neu gestrichen worden. Weichsheimer plante, an einem lauschigen Waldstück anzulegen und Deborah zu einer Lichtung zu führen, wo er sie … “Oohuuhmmm!”, ließ Gräfin von Hurbensayn zwischen den Wattebäuschchen vernehmen und Weichsheimer war klar, hier würde kein Zahnstein auf dem anderen bleiben. “Den Bohrer, Deborah!”, befahl Weichsheimer.

Eine halbe Stunde später verließ eine sichtlich mitgenommene Gräfin von Hurbensayn zitternd das Behandlungszimmer. Weichsheimer bat seinen nächsten Patienten herein, einen untersetzten kleinen Enddreißiger mit dem völlig bescheuert klingenden Namen Roger Knowles-Back. Zu seiner Freude hatte Weichsheimer hier kaum zu tun. “Ihre Zähne sind in einem tadellosen Zustand, mein Lieber!“, lobte Weichsheimer. “Da können Sie stolz darauf sein, selten ein so gut gepflegtes Gebiss gesehen! Da werden Sie noch viel Freude mit haben.“ Doch der Patient schien darüber nicht zufrieden. “Ich… äh, habe da so Schmerzen, hier oben“, klagte der Enddreißiger und befingerte seinen Oberkiefer. Weichsheimer wollte ihm schon ein Rezept ausstellen, als der Patient deutlicher wurde: “Meine Freunde sagten mir, Sie hätten da so etwas Spezielles. Zum Einnehmen durch die Nase.“ Weichsheimer verstand sofort: “Ich verstehe, was Sie meinen. Kommen Sie doch heute Abend nochmal in meine Praxis. Wenn hier eigentlich schon zu ist.“ Na, das lief ja wie am Schnürchen, dachte sich Knöllenbeck, als er freudig pfeifend das Behandlungszimmer wieder verließ. Und zu Tode erschrak. Die Beine wurden weich. Der Mund trocken. Im Wartezimmer saß Almuth.

Almuth Lutsch-Huber musterte ihn zuerst misstrauisch. Dann stieß sie einen schrillen Schrei aus: “Jetzt erkenne ich Sie! Das mit der Kläranlage, das waren doch Sie!” Die anderen Patienten unterbrachen ihre Gespräche und schauten Knöllenbeck neugierig an. “Natürlich! Sie waren das damals mit der Kläranlage!”, wiederholte Almuth lautstark und ein Kind fing an zu weinen. Knöllenbeck wäre am liebsten im Erdboden versunken doch es war schon zu spät, die Vergangenheit holte ihn ein: Er hatte letzten Sommer über Paarshit, der Partnervermittlung in Markscheid, eine Frau kennengelernt und sich mit ihr zum Schwimmen verabredet. Dummerweise war sein Auto auf der Fahrt zum Waldsee mitten im Fickwalder Forst mit einer Reifenpanne liegen geblieben. “Kein Problem, Almuth!”, hatte Knöllenbeck seiner neuen Bekanntschaft versprochen. “Es gibt hier ganz in der Nähe eine kleine verträumte Anlage, mit mehreren großen Becken, in denen man ganz toll schwimmen kann!” Gesagt, getan, Knöllenbeck half seiner Angebeteten über den Zaun und sie begannen in den großen Becken zu schwimmen. Das klappte auch ganz gut, doch nach einiger Zeit fragte Almuth: “Was stinkt denn hier eigentlich so penetrant?” Und Knöllenbeck versuchte abzulenken, indem er ausrief: “Ist das nicht toll hier? Und wie schnell Du an der frischen Luft Farbe annimmst! Schau, Du bist schon ganz braun geworden!”

Hier sehen wir Knöllenbeck kurz vor seinem Undercovereinsatz und noch im Vollbesitz seiner Zähne.

Knöllenbeck dachte nur ungern an diese Episode aus seinem Leben zurück. Doch es kam noch schlimmer. “Und, immer noch der kleine Bulle bei der Kripo?“, fragte Almuth spöttisch und Knöllenbeck wünschte, sie wäre etwas leiser. “Polizei, eh?“, raunte Weichsheimer, der angelockt durch den Lärm, plötzlich neben Knöllenbeck stand. “Nein, nein, mein Name ist Roger …“, versuchte sich Knöllenbeck herauszureden. Doch Weichsheimer hatte ihn bereits am Arm gepackt und zerrte ihn zurück in das Behandlungszimmer. “Gut dass Sie noch hier sind. Diesen Unterkiefer möchte ich mir doch noch einmal genauer ansehen“, sagte Weichheimer und starrte Knöllenbeck mit eiskalten Augen an. Dem wurde hingegen plötzlich ganz heiß. “Ich… äh, mache dann nochmal einen Termin aus“, stammelte er hilflos. Weichsheimer ließ die Augen nicht von ihm. “So etwas sollte man nicht lange anstehen lassen“, sagte er bedrohlich leise, schubste Knöllenbeck auf den Behandlungsstuhl und schloss die Tür. Knöllenbeck versuchte noch zu protestieren, doch da war er schon mit zwei Lederriemen am Stuhl festgebunden. Weichsheimer startete den Bohrer. Knöllenbeck bedauerte es in diesem Augenblick sehr, das Handbuch für Kriminologie nicht dabei zu haben. Sein Amtsleiter, Kriminalrat Möller, hatte darauf bestanden, dass Knöllenbeck die Undercover-Mission ohne sein geliebtes Handbuch durchführen müsse. Und jetzt? Sicher hätte ihm das Handbuch gesagt, was zu tun wäre. Weichsheimer senkte den Bohrer tief in Knöllenbecks Mund. Was sollte er jetzt bloß tun? Knöllenbeck überlegte fieberhaft, versuchte sich verzweifelt an gelesene Kapitel zu erinnern. Schweißperlen tropften von seiner Stirn. Das hochtönige schnelle Pfeifen des Bohrers wurde immer lauter. Knöllenbeck zerrte an den Lederriemen. Sinnlos. Panik erfasste ihn. Dann traf der Bohrer den Nerv.

Das Letzte, was Knöllenbeck erblickte, als er noch Biss hatte….

Am nächsten Morgen betrat ein gut gelaunter Kriminalrat Möller den Flur des Kommissariats und freute sich schon auf seine erste Tasse frisch gebrühten heißen Kaffees. Vor der Tür zu seinem Büro entdeckte er eine jämmerlich aussehende Gestalt, die zusammengekauert auf dem Boden hockte und wimmerte. “Mein Gott, was ist denn mit Ihnen passiert?“, fragte Kriminalrat Möller entsetzt, als er Knöllenbeck erkannte. “Iff bin enttarnt worden“, schluchzte Knöllenbeck und zeigte seinen völlig zahnlosen Mund.”Iff möffte nie wieder auf eine Undercover Mifffion!“ Der Amtsleiter wischte Knöllenbeck die Tränen aus dem Gesicht.

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