Sein Laden wurde nicht angerührt: Pariser Buchhändler versteht die ganze Aufregung nicht
PARIS (dpoi) – Während am vergangenen Wochenende Tränengasschwaden durch das Quartier Latin zogen, die Scheiben von Nobelboutiquen in Trümmern lagen und wütende Jugendliche mit den neuesten Flachbildschirmen unter dem Arm durch die Gassen flitzten, herrschte in der Librairie Le Penseur tiefster Frieden. Besitzer Jean-Luc (62) stand entspannt hinter dem Tresen, nippte an seinem Espresso und blickte etwas ratlos auf die brennende Mülltonne vor seinem Schaufenster.
„Ich verstand ehrlich gesagt das ganze Drama in den Nachrichten nicht“, erzählte Jean-Luc rückblickend und rückte seine Hornbrille zurecht. „Die Leute sagten, die Jugend von heute habe keinen Respekt mehr vor Eigentum. Aber das stimmte doch gar nicht! Sie hatten extrem gute Manieren.“

Für Jean-Luc ist die Welt in Ordnung
Stundenlang tobten am Samstag in der Pariser Innenstadt schwere Krawalle. Elektronikmärkte wurden blitzschnell ausgeraubt, Juweliere um ihre Auslagen erleichtert, und Sportgeschäfte mussten spontan ihre gesamte Inventarliste als Verlust melden. Nur bei Jean-Luc schlug niemand die Scheibe ein.
„Am Samstagabend schaute ein vermummter Demonstrant kurz durch mein Fenster“, berichtete der Buchhändler gerührt. „Er hatte einen Pflasterstein in der Hand. Ich winkte ihm zu und zeigte auf den neuen Schopenhauer-Band im Schaufenster. Da zögerte er kurz, nickte entschuldigend, steckte den Stein wieder ein und rannte weiter, um den Nike-Store zu plündern. Ein wirklich höflicher junger Mann.“

Schüler der Klasse 9b eines Pariser Gymnasiums fordern mehr Sauberkeit auf den Schultoiletten
Auf die Frage, ob er keine Angst um sein Inventar gehabt habe, schüttelte Jean-Luc nur den Kopf. „Ach was. Die Barrikade da draußen bestand zu 40 Prozent aus ungelesenen Exemplaren französischer Gegenwartsliteratur. Die hatte die Polizei dort aufgeschichtet, um die Sicht zu versperren. Die Jugendlichen versuchten nicht einmal, ein einziges Buch davon mitzunehmen. Buchschutz wird bei dieser Generation einfach großgeschrieben.“
Für eventuelle zukünftige Proteste plant Jean-Luc schon eine neue Strategie: Er möchte das Schild an seiner Tür austauschen.

Waren womöglich auch Deutsche unter den Demonstranten?
„Ich schreibe einfach ‚Apple Store‘ drüber und verpacke die Klassiker der Weltliteratur in weiße, glänzende Kartons“, schmunzelte der Buchhändler. „Vielleicht schaffe ich es so ja doch noch, Kant unter die Leute zu bringen.“
