1000 Meisterwerke – Heute: „Ferienwohnung der Familie Huhu – Interieur mit Spuren menschlicher Zivilisation“
Wir sehen eine Ferienwohnung irgendwo im norddeutschen Küstenraum. Auf den ersten Blick: ein ganz gewöhnliches Wohnzimmer. Doch bereits bei genauerer Betrachtung offenbart sich dem geschulten Auge eine Szenerie von außerordentlicher Tiefe. Eine Landschaft zwischen Verfall, Improvisation und dem unbedingten Willen, den Urlaub trotzdem durchzuziehen.
Im Zentrum des Werkes befindet sich ein Sofa. Oder das, was die Familie Huhu vor ihrer Abreise noch dafür hielt. Auf ihm liegen Kleidungsstücke, Strandhandtücher und jene eigentümliche Mischung aus Muscheln, Sand und unbekannten Substanzen, die entsteht, wenn vier Menschen sieben Tage lang vom Strand kommen und dabei konsequent darauf verzichten, sich irgendwo auszuziehen.
Besonders bemerkenswert ist der Teppich. Seine ursprüngliche Farbe ist heute nicht mehr eindeutig feststellbar. Kunsthistoriker vermuten einstmals Beige. Durch die intensive Nutzung hat sich jedoch eine neue Farbgebung entwickelt, die irgendwo zwischen „Nordseeschlick“, „Fischbrötchen“ und „warum klebt das?“ angesiedelt ist.

Eine echte Wohlfühloase
Im Hintergrund erkennen wir die Küche. Hier erreicht das Werk seinen eigentlichen Höhepunkt. Auf der Arbeitsplatte steht ein Teller mit den Überresten einer Mahlzeit, die vermutlich vor drei Tagen aus einer Packung Fischstäbchen bestand. Daneben ein Topf, dessen Inhalt längst eine eigene biologische Klassifikation verdient hätte. Der Kühlschrank ist geöffnet. Nicht etwa, weil jemand etwas sucht. Er steht offen, weil niemand mehr weiß, wer ihn zuletzt geöffnet hat. Ein faszinierendes Beispiel für die Auflösung klassischer Ordnungsvorstellungen.
Doch der eigentliche Höhepunkt des Werkes befindet sich im Badezimmer. Dort begegnen wir einem Handtuch. Ein einziges Handtuch. Für drei Personen.
Die Familie Huhu hat hier eine bemerkenswerte gesellschaftliche Utopie verwirklicht: Jeder darf es benutzen, sofern er bereit ist, die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass es anschließend genauso feucht ist wie vorher.
Auf dem Waschbecken entdecken wir außerdem eine Zahnbürste, Sonnencreme, drei Muscheln, einen Kamm, eine leere Duschgelflasche und einen Gegenstand, dessen Funktion selbst die Expertenkommission nicht mehr rekonstruieren konnte.
Bemerkenswert ist auch die Ordnung im Schlafzimmer. Hier hat sich die Familie Huhu einer radikalen Form des abstrakten Expressionismus verschrieben. Koffer stehen offen auf dem Boden. Socken liegen neben Schuhen. Badebekleidung hängt über Stühlen. Eine Hose befindet sich auf dem Bett. Niemand weiß, wem sie gehört. Niemand möchte es wissen. Es ist die konsequente Auflösung des Eigentumsbegriffs im privaten Raum.
Und schließlich gelangen wir zum Balkon. Hier finden wir das wohl bedeutendste Detail des gesamten Werkes: einen Wäscheständer mit nasser Badekleidung. Er steht seit fünf Tagen dort. Die norddeutsche Luft hat ihre Arbeit aufgenommen. Allerdings ohne nennenswerten Erfolg. Das Werk trägt damit deutliche Züge des Spätimpressionismus: Alles ist feucht, nichts trocknet und die Farben beginnen langsam zu verschwimmen.

Wer würde hier nicht gerne einmal kochen?
Die Kunstgeschichte wird sich noch lange fragen, wie es der Familie Huhu gelungen ist, eine Ferienwohnung innerhalb von nur zehn Tagen in einen Zustand zu versetzen, für dessen Wiederherstellung normalerweise eine Fachfirma, zwei Container und ein mittlerer Bagger erforderlich wären. Doch vielleicht liegt gerade darin die Größe dieses Werkes. Denn während gewöhnliche Menschen eine Ferienwohnung lediglich bewohnen, hat Familie Huhu sie interpretiert.
Sie haben Räume nicht benutzt.
Sie haben sie gestaltet.
Sie haben Ordnung nicht zerstört.
Sie haben sie dekonstruiert.
Und sie haben aus einer Ferienwohnung im Norden ein Gesamtkunstwerk geschaffen, das uns eine der ältesten Fragen der Kunstgeschichte stellt:
Wie konnte man hier eigentlich zehn Tage lang wohnen, ohne einmal sauberzumachen? Die Antwort bleibt offen. Wie bei jedem großen Meisterwerk.
