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Der Wald des stillen Harmonisierers

Veröffentlicht von Huhu am

In einem Privatwald zwischen Aue und Fichtelberg, dort, wo die alten Halden langsam wieder von Fichten überwachsen werden und der Wind nach altem Bergbau und feuchter Rinde riecht, lebt ein Mann. Niemand kennt sein genaues Alter mehr. Manche behaupten, er sei schon da gewesen, als die letzten Gruben noch fuhren. Andere sagen, er habe erst mit dem Fallen der Mauer angefangen, wirklich zu existieren.

Er spricht selten mit Menschen.

Mit dem Wald redet er jeden Tag.

Vor vielen Jahren begann er, die Toten zu sammeln.

Zuerst die, die schon lange lagen, von denen keiner mehr Notiz nahm. Später die, die noch warm waren. Und irgendwann auch jene, die selbst noch nicht ganz sicher waren, ob sie wirklich schon gehen wollten.

Er zählt sie nicht mehr.

Aber der Wald zählt.

Und als die Zahl die Tausendergrenze überschritten hatte, hörte er auf zu zählen und fing an zu ordnen.

Der gesamte Wald ist inzwischen ein einziges, riesiges Bagua.

Kein Schild, kein Zaun, kein Weg verrät es dem Wanderer.

Nur wer lange genug stehen bleibt und die Strömung spürt, merkt, dass hier nichts zufällig liegt.

Im Südosten – Wohlstand – ruhen die mit den dicken Uhren, den teuren Geländewagen-Schlüsseln in der Tasche, den Leuten, die glaubten, Geld könne den Tod kaufen. Ihre Knochen liegen in langen, geschwungenen Bögen, wie ein unsichtbarer Hort aus Gold.

Im Norden – Karriere – die Getriebenen. Die mit den Aktenordnern, den Visitenkarten, den halbfertigen Excel-Tabellen im Rucksack. Sie liegen in einer großen, aufsteigenden Spirale, als wollten sie noch im Tod die nächste Etage erreichen.

Im Südwesten – Beziehungen – die Paare. Manche in Umarmung, manche Rücken an Rücken, als hätten sie sich im letzten Moment doch noch gefunden. Oder endgültig verloren. Er unterscheidet nicht mehr.

Im Zentrum, dem Tai-Chi-Punkt, hat er dreizehn Menschen in perfekter Lotus-Position arrangiert.

Wer liebt sie nicht, die Stille des Waldes?

Sie kamen freiwillig.

Oder fast.

Jeden Abend, wenn die Dämmerung die Halden schwarz färbt, geht er durch die Zonen.

Er räuchert mit Wacholder und altem Fichtenzweig.

Er richtet ein verrutschtes Mooskissen, schiebt einen Schieferbrocken drei Zentimeter nach links, korrigiert die Neigung eines Schädels um zwei Grad.

Manchmal summt er leise erzgebirgische Bergmannsweisen, manchmal murmelt er Feng-Shui-Regeln im tiefsten erzgebirgischem Dialekt.

Niemand kommt.

Niemand sucht.

Die Leute in den umliegenden Dörfern haben längst aufgehört, sich zu fragen, warum manche Wanderer, Mountainbiker, Pilzsucher, gescheiterte Unternehmer, unglücklich Verliebte, überschuldete Handwerker und enttäuschte Rentner nie wieder auftauchen.

„Der Wald nimmt, was er braucht“, sagt die alte Frau im Haus am Waldrand manchmal, wenn sie abends die Läden schließt.

Dann schaut sie kurz zum dunklen Streifen zwischen Aue und Fichtelberg und fügt hinzu:

„Und der Wald gibt Ordnung.“

Manchmal, wenn der Nebel besonders dick über die ehemaligen Pingen zieht, sieht man aus der Ferne kleine Lichter zwischen den Bäumen tanzen.

Nicht Taschenlampen.

Nicht Irrlichter.

Sondern die winzigen, batteriebetriebenen Teelichter, die er in leeren Patronenhülsen befestigt hat – eine pro Zone, genau an der richtigen Himmelsrichtung.

Zwischenrein ruhig auch mal ein gutes Buch lesen

1800 Seelen.

1800 Körper.

Ein einziger Wald.

Und mittendrin ein Mann, der glaubt, er habe endlich gelernt, wie man den Tod dazu bringt, schön zu liegen.

Der Wald schweigt.

Der Wald atmet.

Und der Chi fließt jetzt wirklich.

Besser als je zuvor.

Manche sagen, irgendwann werde der Wald so voll sein, dass er platzt.

Andere meinen, er werde irgendwann einfach aufhören zu wachsen – aus Respekt.

Und wieder andere glauben, dass der Mann eines Tages selbst liegen bleibt.

Genau im Zentrum.

In der perfekten Lotus-Position.

Und dass dann, ganz leise, der ganze Wald zwischen Aue und Fichtelberg einmal tief ausatmet –

und endlich in vollkommener Harmonie ruht.