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Das große Defizit

Veröffentlicht von El Blindo am

Es war der November 1884, und der Schoner „Markscheid“ pflügte durch die Nordsee wie ein rostiges Messer durch kalten Talg. Kapitän Knust starrte finster in den Nebel.

An Bord herrschte eine unheimliche Stille, unterbrochen nur durch das rhythmische Klatschen der Wellen und das hysterische Kichern des Smutjes, der seit drei Tagen versuchte, aus alten Stiefelsohlen und Optimismus ein Boeuf à la Mode zu zaubern.

Das Grauen aus der Bilge

Gegen Mitternacht geschah es. Ein Geräusch stieg aus dem Bauch des Schiffes auf – kein gewöhnliches Ächzen des Holzes, sondern ein hohles, rhythmisches „Plopp… Schmatz… Plopp“.

Der junge Matrose Hinnerk, dessen einzige Qualifikation für die Seefahrt darin bestand, dass er an Land noch unbeliebter war als auf See, stieg mit einer zitternden Laterne in den Laderaum hinab. Er erwartete Ratten, vielleicht ein Leck oder den rachsüchtigen Geist eines unterbezahlten Zollbeamten. Doch was er sah, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren.

Dort, zwischen den Fässern mit Pökelfleisch, saß eine Gestalt. Sie trug den Zylinder eines Gentlemans, bestand aber ansonsten vollständig aus bläulichem Gallert.

Hinnerk erlebt das Grauen

Eine bürokratische Heimsuchung

„Wer… was seid Ihr?“, stammelte Hinnerk.

Das Wesen hob eine glibberige Hand, in der es eine federleichte, ebenfalls aus Schleim bestehende Akte hielt. „Guten Abend“, blubberte es mit einer Stimme, die nach feuchtem Keller klang. „Ich bin die Manifestation der ungesühnten Buchhaltungsfehler dieser Reise. Ich bin das Große Defizit.“

Hinnerk wich zurück. „Ein Geist! Ein Dämon!“

„Schlimmer“, erwiderte die Erscheinung und blätterte feucht in ihren Unterlagen. „Ich bin eine Prüfung der Rechnungsbelege von 1882. Wisst Ihr eigentlich, dass Kapitän Knust damals drei Fass Rum als ‚spirituelle Beratung‘ abgerechnet hat? Das zieht Konsequenzen nach sich. Ewige Konsequenzen.“

Eigentlich ist Matrose Hinnerk gar kein ängstlicher Typ …

Das Schicksal der Markscheid

Als Knust die Treppe hinunterstürmte, die Pistole im Anschlag, fand er Hinnerk wimmernd am Boden. Der Geist hielt dem Kapitän lediglich ein glitschiges Formular entgegen.

„Unterschreiben Sie hier für die sofortige Pfändung Ihrer Seele aufgrund groben Unfugs in der Inventarliste, oder ich werde dieses Schiff bis in alle Ewigkeit mit einer unendlichen Debatte über die Besteuerung von Walfleisch heimsuchen.“

Man sagt, die „Markscheid“ sei nie im Hafen angekommen. Fischer berichten jedoch, sie hätten in nebligen Nächten einen Schoner gesehen, auf dem die Mannschaft dazu verdammt ist, mit Federkielen aus Fischgräten endlose Steuererklärungen auf nassem Pergament auszufüllen. Das schrecklichste Geräusch ist jedoch nicht das Heulen des Windes – es ist das trockene Räuspern eines Gespenstes, das feststellt, dass die Reisekostenpauschale für den Harpunier nicht korrekt versteuert wurde.