Das Pflege-Paradoxon
Während die Pflegeversicherung alarmiert neue Milliardenlöcher meldet, scheint sich an anderer Stelle ein faszinierendes Naturphänomen zu ereignen: Aus denselben Beitragsgeldern wachsen mancherorts erstaunliche Geldberge. Ökonomen sprechen bereits vom „Ersten Hauptsatz der Pflegedynamik“: Geld kann weder geschaffen noch vernichtet werden – es wechselt lediglich sehr motiviert den Besitzer.
Die Pflegekassen erklären, die Ausgaben explodierten. Pflegebedürftige erklären, sie könnten sich die Eigenanteile kaum noch leisten. Pflegekräfte erklären, ihr Gehalt könne durchaus höher sein. Und irgendwo zwischen diesen drei Gruppen entstehen Unternehmensgewinne, die offenbar keiner der Beteiligten persönlich gesehen haben will.

Es ist nicht ganz einfach, sich im Pflegesystem noch zurecht zu finden
Vertreter großer Pflegedienstanbieter weisen jeden Zusammenhang zurück. Die hohen Gewinne seien keineswegs Ausdruck eines lukrativen Systems, sondern das Ergebnis jahrelanger harter Arbeit, effizienter Abrechnungsprozesse und einer tiefen Leidenschaft für Tabellenkalkulationen.
Politiker zeigen sich betroffen. Man werde die Entwicklung sehr genau beobachten, kündigen sie an. Diese Beobachtung erfolgt traditionell aus sicherer Entfernung und erstreckt sich über mehrere Legislaturperioden. Anschließend soll eine Expertenkommission prüfen, ob die bereits bekannten Probleme tatsächlich dieselben Probleme sind wie vor fünf Jahren.
Unterdessen wird der Öffentlichkeit erklärt, dass für eine nachhaltige Finanzierung leider höhere Beiträge, niedrigere Leistungen oder beides erforderlich seien. Auf die Frage, ob auch die Gewinnstrukturen großer Anbieter überprüft werden sollten, wird auf die Komplexität des Themas verwiesen. Komplexität gilt in Deutschland als die letzte Verteidigungslinie gegen jede Form von Veränderung.

Das Thema ist komplex und Geldströme sind es ganz grundsätzlich auch
So bleibt die Pflegeversicherung ein Wunder der modernen Finanzarchitektur: Unten fehlen Milliarden, oben liegen Milliarden, und dazwischen befindet sich ein System, das dringend reformiert werden muss – allerdings erst nach der nächsten Studie, dem nächsten Gutachten und der nächsten Arbeitsgruppe.
Bis dahin gilt: Die Löcher werden größer, die Gewinne höher und die Erklärungen immer ausführlicher. Nur die Pflege selbst hat leider weiterhin Personalmangel.