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Zum „Tag der Befreiung“

Veröffentlicht von ORF am

Als ich angehender Elektroinstallateur gewesen bin – manche mögen es auch Lehrling nennen – hatte ich an meinem damaligen Heimatort eine Baustelle in der dortigen Panzergarnison der Roten Armee. Es war übrigens die schönste und erfolgreichste Panzergarnison unserer sowjetischen Freunde und Beschützer auf der ganzen Welt (Zitat frei nach Trump).

Ich sollte im Keller, in Betonkatakomben noch aus der Kaiserzeit, Lampen anbringen. Da ich kein verdienter „Lehrling des Volkes“ war, wurde ich nicht mit einer Schlagbohrmaschine ausgerüstet, sondern sollte die ganze Geschichte mithilfe eines ziemlich stumpfen und schartigen Ralleisens erledigen. Für Mitmenschen, die das nicht wissen: Ein Ralleisen war eine Art Schlagbohrmaschine ohne Strom. Also sehr nachhaltig, schon damals: Eisen auf Beton, Schlag mit dem Hammer hinten drauf und Drehen des Werkzeugs. Bei Erfolg konnte man dann einen Schraubdübel einbringen (heutzutage nur noch aus Plaste) und entsprechende Teile daran festschrauben.

Manchen Lehrlingen sollte man einfach kein Werkzeug in die Hand drücken

Egal, entweder war die Güte des Betons zu hoch (er schimmerte bläulich) oder es war zu viel Moniereisen eingebracht – es ging einfach nicht mit meinem Werkzeug. Ich lief zu meinem Vorarbeiter, um ihm von meinem Misserfolg betreffs diverser Löcher im Beton zu berichten. Wie auch immer: Meine hohe Führung (die Betriebsleitung) beschloss, sicher in Absprache mit der sowjetischen Armee- oder Staatsführung, dass ich unter Aufsicht Schraubbolzen schießen durfte, an denen man im speziellen Fall dann die Leuchten anbringen konnte.

Es lief wie geschmiert, bis mein Vorarbeiter und Meister – etwas über zwei Meter groß und zudem die aufsichtsführende Person – mal kurz „für die Landwirtschaft arbeiten“ wollte und auf der Schüssel verschwand. Ich schoss fleißig weiter. Ein Bolzen verschwand spurlos in der Decke, aber ein paar Zentimeter weiter fand ein neuer seinen Halt. Zeitgleich mit meinem Meister kam der Kommandeur der Garnison wutschnaubend angerannt, fuchtelte mit einer Pistole (Makarov) herum und wollte partout den Bösewicht umlegen, der es gewagt hatte, von unten durch seine Beine in seinen Schreibtisch zu schießen, wo das Corpus Delicti letztlich stecken blieb.

Unser Autor wusste schon als Lehrling auf sich aufmerksam zu machen

Der Kommandeur, ungefähr 1,65 m groß – als Panzerbewohner also sehr gut geeignet – konnte ziemlich gut Deutsch. Unser Freund und „großer Bruder“ sprang mehrfach an unserem über zwei Meter großen Meister hoch und spuckte ihm irgendwelche obszönen Sprüche ins Gesicht, von denen ich nur „erschießen“, „aufhängen“ und „Attentäter“ verstand. Nach einiger Zeit gelang es, den Offizier der ruhmreichen Roten Armee zu beruhigen, und ich konnte mein Tun fortsetzen – unter Aufsicht natürlich.

Jahre später fiel die Mauer, ohne dass das sowjetische Militär eingriff. Kurz darauf zog sich die Rote Armee in ihre Heimat zurück, und so kam es zu einem vereinten Deutschland und der immensen Stärkung der NATO. Und das alles nur durch das Wirken eines Lehrlings, damals im letzten Lehrjahr.

Gucke ich mir die aktuelle Weltlage an, würde ich die Aktion nie wiederholen.