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Gegen Verrohung in sozialen Medien: Bundesregierung fördert Debattierkurse für Internetkommentatoren

Veröffentlicht von Hans Wurst am

Berlin (dpoi) – Die Bundesregierung zieht Konsequenzen aus der zunehmenden Verrohung in den sozialen Medien. Nachdem jahrelang vergeblich versucht wurde, die Diskussionskultur im Internet durch Appelle, Löschpflichten und erhobene Zeigefinger zu verbessern, setzt die Bundesregierung nun auf Bildung: Internetkommentatoren sollen künftig verpflichtend an staatlich geförderten Debattierkursen teilnehmen.

„Wir müssen die Menschen dort abholen, wo sie stehen“, erklärte ein Regierungssprecher. „Und bei vielen Internetkommentatoren ist das offenbar direkt unter dem Facebook-Post.“

In den Kursen sollen Teilnehmer lernen, wie man eine andere Meinung äußert, ohne den Gesprächspartner unmittelbar als Vollidioten, ‚linksgrün versifftes Systemschwein‘ oder ‚rechtsextremen Nazi-Faschisten‘ zu bezeichnen. Auch der bislang weitgehend unbekannte Unterschied zwischen „Ich sehe das anders“ und „DU HAST DOCH ÜBERHAUPT KEINE AHNUNG!!!“ soll vermittelt werden.

Sabine hat im Kurs gelernt, daß sie Andersdenkende nicht als ‚dreckige Nazisäue‘ bezeichnen darf

Besonderer Wert wird auf das sogenannte Argumentationstraining für Fortgeschrittene gelegt. Dort lernen die Teilnehmer, dass eine Behauptung nicht automatisch zur Tatsache wird, nur weil man sie mit „Das weiß doch jeder“ beginnt.

Ein weiterer Kurs beschäftigt sich mit der korrekten Verwendung von Quellen. Künftig sollen Kommentatoren dazu angehalten werden, nicht mehr ausschließlich auf Screenshots von irgendwelchen Telegram-Kanälen, einen Beitrag des Cousins eines Bekannten oder „eine Studie aus Amerika“ zu verweisen.

Für besonders schwierige Fälle wurde außerdem das Modul „Bis hierhin und nicht weiter“ entwickelt. Teilnehmer lernen darin, eine Diskussion zu beenden, ohne noch drei weitere Kommentare hinterherzuschieben.

Die Bundesregierung rechnet mit großem Zulauf. Erste Pilotkurse waren allerdings bereits nach wenigen Minuten restlos überbucht. Die meisten Teilnehmer wollten nach eigenen Angaben lediglich „mal diesem Staats-Kursleiter richtig die Meinung sagen“.

Uwe weiß jetzt, daß er Andersdenkende nicht als ‚rote Stasi-Ratten‘ bezeichnen darf

Das Bildungsministerium zeigt sich dennoch optimistisch. Schließlich sei es bereits ein großer Fortschritt, wenn Internetnutzer künftig mit vollständigen Sätzen beleidigen könnten.

Als Abschlussprüfung müssen die Teilnehmer einen Kommentar zu einem kontroversen politischen Thema verfassen, der mindestens 100 Wörter umfasst, keine Beleidigung enthält und mit einem Punkt endet.

Die ersten Ergebnisse sorgen allerdings für Ernüchterung. Ein Teilnehmer schrieb: „Ich respektiere deine Meinung, auch wenn ich sie für vollkommen bescheuert halte. Und dich auch!“