Hofrat von Schrullenstein
Die „Markscheid“ schlingerte auf dem Pazifik, ein einsamer Punkt zwischen zwei Unendlichkeiten: dem blauen Himmel und der noch blaueren See. Unter Kapitän Knust, dessen Gesicht so wettergegerbt war, dass man darauf eine Landkarte hätte einzeichnen können, befand sich die Crew auf einer Reise von Valparaíso nach Königsberg. Die Ladung? Eine mysteriöse Kiste, versiegelt mit kaiserlichen Siegeln und dem Vermerk „Vorsicht! Inhalt nur für den allerhöchsten Gebrauch des Königs bestimmt. Keinesfalls schütteln oder besingen.“
Seit dem Verlassen des Hafens lag eine seltsame Aura über dem Schiff. Der Smutje, immer noch der Meinung, dass ein Kochlöffel auch als Dirigentenstab dienen könnte, begann Opernarien für die Fische zu komponieren, während der stets überängstliche Hinnerk jedes Knarren des Schiffes als persönliche Todesbotschaft interpretierte.
Das Flüstern aus der Kiste
Die unheilvolle Stille wurde durch ein Geräusch unterbrochen, das aus dem Laderaum kam – ein leises, aber stetiges Flüstern. Zuerst glaubte man, es sei der Wind, der durch die Ritzen pfiff, doch das Flüstern wurde deutlicher, artikulierter. Es klang, als würde jemand eine endlose Liste von Beschwerden über die Schiffsführung rezitieren.
Hinnerk, der sich eigentlich geschworen hatte, nie wieder einen Laderaum zu betreten, wurde von Kapitän Knust mit einer Drohung von Seemeilen an Deck gesandt. Mit zitternder Hand hielt er eine Laterne, während das Flüstern anschwoll.

Kapitän Knust lässt sich so schnell nicht aus der Ruhe bringen
Ein königliches Ärgernis
Zwischen den Säcken mit Salpeter und den Fässern mit Pisco stand die geheimnisvolle Kiste. Doch was nun geschah, überstieg Hinnerks kühnste (und ängstlichste) Vorstellungen. Aus den Ritzen der Kiste kroch ein winziges, durchsichtiges Männchen. Es trug eine winzige, durchsichtige Uniform mit noch winzigeren, durchsichtigen Orden und einen winzigen Schnurrbart, der vor Empörung zuckte.
„Unfassbar!“, quiekte das Männchen mit einer Stimme, die wie ein Kreischen von Möwen klang. „Ich bin der Hofrat von Schrullenstein, und ich muss feststellen, dass dieses Schiff jeglichen königlichen Standards entbehrt! Das Bett in dieser Kiste ist unerträglich hart! Und die Akustik! Wie soll ich hier in Ruhe meine königlichen Memoiren verfassen, wenn die ganze Zeit das Meer so unzivilisiert lärmt?!“
Hinnerk starrte das Wesen an. „Ihr seid… ein Flaschengeist?“
„Flaschengeist?!“, empörte sich der Hofrat. „Ich bin ein Geist aus der Bürokratie! Eingeschlossen hier, weil der König seine tägliche Dosis an gut begründeter, aber völlig nutzloser Kritik benötigte. Man hat mich hierher verbannt, um bis nach Königsberg zu reisen und die ‚maritimen Missstände‘ zu protokollieren. Und es gibt viele davon!“

Hinnerk lernt an Bord der ‚Markscheid‘ immer die nettesten Leute kennen
Die Odyssee des Ärgers
Der Hofrat von Schrullenstein entpuppte sich als die größte Plage, die die „Markscheid“ je heimgesucht hatte. Er nistete sich in der Kombüse ein und kritisierte jeden Bissen des Smutjes, nörgelte an der Segelstellung und verfasste seitenlange Beschwerdebriefe an den König über die mangelnde Etikette der Matrosen.
„Hinnerk!“, zischte er eines Morgens. „Die Stärke Ihrer Kaffeebohne ist unzureichend für eine königliche Majestät! Und Ihre Art, den Anker zu lichten, entbehrt jeglicher Finesse!“
Kapitän Knust versuchte, das Wesen in die See zu werfen, doch der Hofrat materialisierte sich stets an einem anderen Ort wieder, um neue Anmerkungen zur „inakzeptablen Aggressivität der Schiffsführung“ zu machen. Man sagt, die „Markscheid“ habe Königsberg erreicht, aber nur, weil die Mannschaft den Hofrat von Schrullenstein schließlich mit einem speziell für ihn gebackenen Kuchen voller unleserlicher Formulare ruhigstellen konnte. Doch bis heute hört man in stürmischen Nächten auf dem Meer das leise, aber unerbittliche Flüstern eines Kritikers, der immer noch darauf besteht, dass die Welt nicht seinen Standards genügt.